Erster Artikel. Die heilige Liebe ist Freundschaft.
a) Die heilige Liebe ist dies nicht. Denn: I. Nichts ist so eigen der Freundschaft wie das Zusammenleben, der gegenseitige Verkehr; sagt Aristoteles. (8 Ethic. 1.) Die Liebe des Menschen aber erstreckt sich auf Gott und die Engel, „mit denen indessen kein Verkehr stattfindet,“ nach Daniel 2, 11. II. Die Freundschaft besteht nicht ohne Gegenliebe, nach 8 Ethic. 2. Die Liebe aber erstreckt sich auch auf die Feinde, nach Matth. 5.: „Liebet euere Feinde.“ III. Drei Gattungen der Freundschaft giebt es (nach Ethic. 8, 3.): Die Freundschaft auf Grund des Ergötzlichen, des Nützlichen und des Ehrbaren. Die Liebe aber berücksichtigt nicht den Nutzen oder das Ergötzen, wie Hieronymus schreibt an Paulinus: „Jene ist die wahre Freundschaft, die mit Christo verknüpft, welche nicht verursacht wird durch den Nutzen im Familienbesitze oder durch das Ergötzen an der körperlichen Gegenwart oder durch listiges Schmeicheln, sondern einzig durch die Furcht Gottes und durch das Studium der heiligen Schriften.“ Es besteht auch nicht die heilige Liebe, also auch nicht eine Freundschaft auf Grund des Ehrbaren; denn mit der heiligen Liebe lieben wir zugleich die Sünder, während die Freundschaft auf Grund des Ehrbaren nur den tugendhaften gilt. Es ist also die heilige Liebe keine Freundschaft. Auf der anderen Seite heißt es Joh. 15.: „Ich nenne euch nicht mehr Knechte…, sondern meine Freunde.“ Dies ward aber auf Grund der heiligen Liebe gesagt.
b) Ich antworte, nicht jede Liebe sei nach Aristoteles Freundschaft, sondern es sei dies eine mit Wohlwollen verbundene Liebe; wenn wir nämlich jemanden in der Weise lieben, daß wir sein Wohl wollen. Wollen wir aber nicht das Wohl der geliebten Gegenstände, sondern das, was ihr Wohl ausmacht, für uns, wie wir den Wein, das Pferd u. s. w. lieben, so ist dies die Liebe der Begierlichkeit. Denn lächerlicherweise würde man sagen, man hätte Freundschaft mit dem Weine oder mit einem Pferde. Zum Wohlwollen aber muß bei der Freundschaft noch eine gewisse Gegenliebe treten, weil der Freund dem Freunde Freund ist. Und solches Wohlwollen ist begründet in irgend welcher Gemeinsamkeit. Da nun eine Gemeinschaft mit Gott besteht, insofern Er dem Menschen seine Seligkeit mitteilt, so muß sich auf diese Gemeinschaft die Freundschaft gründen. Über diese Gemeinschaft sagt Paulus 1. Kor. 1.: „Getreu ist Gott, durch den ihr berufen seid in die Gemeinschaft mit seinem Sohne.“ Die Liebe nun, welche sich auf solche Gemeinschaft gründet, ist die heilige Liebe. Also ist letztere offenbar eine gewisse Freundschaft des Menschen mit Gott.
c) I. Gemäß dem äußeren, körperlichen Leben haben wir allerdings keinen Verkehr und keine Gemeinschaft mit den Engeln und Gott; wohl aber gemäß dem inneren geistigen Leben. Danach stehen wir, hier auf Erden unvollkommen, im Verkehr mit Gott und den Engeln, nach Phil. 3.: „Unser Verkehr ist im Himmel;“ im Himmel in vollendeter Weise, wann „seine Diener Gott dienen und schauen werden sein Antlitz.“ (Apok. ult.) Hier also ist die heilige Liebe unvollkommen; dort in der Heimat wird sie vollendet sein. II. Die Freundschaft erstreckt sich 1. auf jenen nur, den wir lieben; und so ist man nur Freund mit dem Freunde; 2. auf andere wegen desjenigen, den wir lieben, wie jemand die Kinder, die Diener, Verwandten etc. desjenigen liebt, mit dem er Freund ist; und so werden selbst die Feinde geliebt, insoweit sie zum Freunde nämlich in Beziehung stehen, mögen sie uns auch beleidigt haben. Und demgemäß erstreckt sich die heilige Liebe auch auf die Feinde, die wir lieben kraft ihrer Angehörigkeit zu Gott, um Gottes, unseres Freundes, willen. III. Die Freundschaft auf Grund des Ehrbaren geht nur auf den tugendhaften; um seinetwillen aber werden die ihm angehörigen Personen ebenfalls geliebt, wenn sie auch nicht tugendhaft sind. Und so erstreckt sich die heilige Liebe, welche im höchsten Grade Freundschaft auf Grund des Ehrbaren ist, auf die Sünder, die wir um der Liebe Gottes willen lieben.
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