Zehnter Artikel. Die Klugheit erstreckt sich auf die Leitung von Gemeinwesen.
a) Sie erstreckt sich einzig auf die Leitung der eigenen Thätigkeit. Denn: I. „Die Tugend, welche auf das Gemeinbeste sich richtet, ist die Gerechtigkeit.“ (5 Ethhic. 1.) II. Wer sein eigenes Beste vernachlässigt und das anderer besorgt, ist nicht klug. III. Die Klugheit steht auf der gleichen Stufe wie die Mäßigkeit und Stärke, welche nur auf das eigene Beste sich richten. Auf der anderen Seite sagt der Herr bei Matth. 24.: „Wer, meinst du, ist der treue und kluge Knecht, den der Herr über seine Familie gesetzt hat?“
b) Ich antworte, Aristoteles bestimme (6 Ethic. 7.), wie manche meinen, die Klugheit gehe das Gemeinbeste nicht an; sondern sie habe nur für das eigene Beste zu sorgen. Diese Meinung aber ist gegen die heilige Liebe, „die da nicht sucht, was dem eigenen Sinne und dem eigenen Besten entspricht.“ (1. Kor. 13.) Deshalb sagt der Apostel von sich selber (1. Kor. 10.): „Ich suche nicht was mir nützlich ist, sondern was vielen Nutzen bringt, damit sie gerettet werden.“ Da also die Klugheit es angeht, recht zu beraten und recht vorzuschreiben mit Rücksicht auf den gebührenden Zweck, so steht sie offenbar in innerlicher Beziehung nicht nur zum Privatbesten, sondern auch zum Gemeinbesten.
c) I. Aristoteles spricht hier von der moralischen Tugend. Wie aber eine jede Tugend, soweit sie auf das Gemeinbeste gerichtet ist, „öffentliche oder gesetzliche Gerechtigkeit“ heißt, so wird auch die Klugheit, sobald sie auf das Gemeinbeste geht „politische Klugheit“ genannt. Denn so verhält sich die „politische Klugheit“ zur „öffentlichen Gerechtigkeit“, wie sich die Klugheit schlechthin zu den anderen moralischen Tugenden verhält. II. Wer für das Gemeinbeste besorgt ist, der ist folgerichtig besorgt auch für das eigene, auf Grund von zweierlei: 1. Das Privatbeste kann nicht gedeihen ohne das Beste der Familie, des Staates, der Gemeinde; so daß Valerius Maximus (lib. 4. c. 4. nr. 9.) von den alten Römern sagt, „sie hätten lieber arm sein wollen in einem wohlhabenden, begüterten Reiche, als wohlhabend und begütert in einem armen Reiche.“ 2. Der Mensch ist ein Glied der Familie, des Staates. Da also dem Gliede nicht es wohlergehen kann, wenn das Ganze leidet, so ist es ein Gut für den einzelnen Menschen, wenn er Sorge trägt für das Gemeinbeste: „Häßlich ist jedes Glied,“ sagt Augustin (3. Conf. 8.), „das dem Ganzen nicht gleichförmig ist.“ IIl. Die Mäßigkeit und Stärke haben ebenfalls Beziehung zum Gemeinbesten; und deshalb werden im Gesetze darüber Gebote gegeben. (5 Ethic. 1.) Mehr aber ist dies der Fall bei der Gerechtigkeit und Klugheit, die im vernünftigen Teile ihren Sitz haben; da die Vernunft sich auf das Gemeinsame richtet, der Sinn auf das Besondere.
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