Zweiter Artikel. Ehre kommt so recht eigentlich den höheren zu.
a) Dem steht entgegen: I. Ein Engel steht höher als jeder noch pilgernde Mensch, nach Matth. 11, 2. Der Engel aber in der Apok. ult. hat dem heiligen Johannes, der ihn ehren wollte, dies verboten. II. Die Ehre ist ein Lohn der Tugend. Manchmal sind aber höheren nicht tugendhaft. III. 1. Petr. 2. heißt es: „Ehret alle“ und Röm. 12.: „Kommt euch wechselseitig mit Ehren zuvor.“ Also kommt nicht eigens den höheren Ehre zu. IV. Tobias „wurde (1, 16.) vom Könige geehrt mit zehn Talenten. Assuerus ehrte den Mardochäus. Tobias und Mardochäus aber waren tieferstehende. Auf der anderen Seite heißt es 1 Ethic. 12.: „Ehre gebührt den besten.“
b) Ich antworte, die Ehre sei eine Bezeugung des Vorranges, den jemand hat. Es kann nun ein solcher Vorrang erwogen werden nicht nur mit Rücksicht auf denjenigen, der ehrt, daß nämlich der geehrte höher stehe wie der ehrende; sondern auch an sich oder mit Rücksicht auf andere. Und danach kommt immer Ehre jemandem zu wegen eines Vorranges inihm oder wegen einer ausgezeichneten Eigenschaft. Denn jener, der geehrt wird, muß nicht gerade hervorragender sein wie der ehrende; sondern er kann hervorragender sein wie andere oder auch wie der ehrende selber in einer gewissen Beziehung und nicht schlechthin.
c) I. Der Engel verbot dem heiligen Johannes, ihm die Ehre der Anbetung zu erweisen; oder auch welch immer andere Verehrung, damit er die Würde des Heiligen selber darthue, welcher kraft der Gewalt Christi den Engeln gleichgestellt war „gemäß der Hoffnung der Herrlichkeit der Kinder Gottes.“ II. Sind die höheren oder Vorgesetzten schlecht, so werden sie nicht wegen ihrer Tugend, sondern wegen des Vorranges ihrer Würde geehrt; und in ihnen wird das ganze Gemeinwesen geehrt, dem sie vorstehen. Nur die Teufel sind unwiderruflich schlecht und müssen nicht geehrt, sondern wie Feinde geflohen werden. III. In einem jeden findet sich etwas, worin er höher steht wie der andere, nach Phil. 2.: „In Demut erachte der eine den anderen als höherstehend.“ IV. Weil Privatpersonen manchmal eine hervorragende Tugend haben, werden sie von Königen geehrt; nicht wegen höherer Würde.
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