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Als sie nun alle wieder heimgekehrt waren, wurde der heilige Daniel nach einiger Zeit mit der Würde des Abtes betraut. Da sagte er sich: Nun bist du frei, Daniel, mach dich mutig auf den Weg und vollbringe, was du dir vorgenommen hast. Und er betraute seinen Stellvertreter mit allen Obliegenheiten des Abtes, verließ das Kloster und begab sich zur ,Mandra' des heiligen Symeon, so nannte man den hürdenartig umfriedeten Raum, innerhalb dessen seine Säule stand, und verweilte dort zwei Wochen. Denn als ihn der Heilige erblickte, freute er sich sehr und bat ihn noch zu bleiben, aber Daniel blieb bei seinem Vorsatz und machte sich auf, um die heiligen Stätten zu besuchen, und sich von da in die innere Wüste zu begeben. Da er aber hörte, daß der Weg nach Palästina ungangbar sei, forschte er nach der Ursache und erfuhr, daß die Samaritaner im Aufstand gegen die Christen seien, und er sprach zu sich: Auf, Daniel, laß deinen Vorsatz nicht fahren, stirbst du um deines Glaubens willen mit den Christen, so ist’s eine große Gnade für dich. Und wie er dies bei sich überdachte und in drückender Mittagsglut fürbaß schritt, begegnete ihm ein Mönch, ganz in Fell gekleidet mit grauem Haar, der dem heiligen Symeon glich. Der grüßte ihn und sprach ihn auf syrisch an, und auf seine Frage gab S. 5 ihm der heilige Daniel Auskunft: Ich will zu den heiligen Stätten, wenn es Gottes Wille ist. Da antwortete der Alte: Recht hast du gesagt Wenn es Gottes Wille ist! Du hast von dem Aufstand in Palästina wohl noch nicht gehört? Daniel erwiderte: Wohl, aber ich hoffe mit Gottes Hilfe ungekränkt durchzukommen. Und sollte mir etwas bevorstehn: leben wir, so sind wir des Herrn, und sterben wir, so legen wir uns in seine Hände. Aber der Alte hielt ihm Worte der heiligen Schrift entgegen und redete eindringlich auf ihn ein und sagte schließlich: Ich beschwöre dich, geh nicht in jene Gegend, sondern wende dich nach Byzanz, und du wirst in Konstantinopel ein zweites Jerusalem schauen und dich der Märtyrerkapellen und großen Kirchen erfreuen. Und wenn du an einsamer Stätte beschaulich leben willst in Thrakien oder am Pontos, so wird der Herr dich nicht verlassen. Und während sie noch so redeten, kamen sie an ein Kloster, und es war Abend geworden. Der heilige Daniel fragte den Alten: Sollen wir hier einkehren? Sagt der Alte: Geh nur vorauf, ich folge nach! Und Daniel ging hinein und wartete auf ihn, aber er sah ihn nie wieder.
