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Endlich wird noch folgendes als zwingender Grund angegeben. Der Mensch musste das letzte aller geschaffenen Dinge sein, damit er durch sein plötzliches Erscheinen als letzter den übrigen Lebewesen Schrecken einflösse; denn sobald sie ihn sahen, sollten sie ihn anstaunen und ihm Ehrfurcht bezeigen wie einem natürlichen Führer und Gebieter (Eine altjüdische Legende erzählte, dass, nachdem Adam geschaffen war, alle Tiere zu ihm kamen und sich vor ihm als ihrem Herrn bückten. Vgl. Pirke Rabbi Elieser cap. 11. In dem syrischen Buche „die Schatzhöhle" (ed. Bezold S. 3) wird erzählt: In Jerusalem (sic) ward Adam zum König, Priester und Propheten gemacht, und dort gab ihm Gott die Herrschaft über alle Geschöpfe und sie kamen zu Adam und er gab ihnen Namen und sie beugten ihr Haupt vor ihm und beteten ihn an und dienten ihm. Ebenso im äthiopischen Adambuch S. 34. Vgl. Grünbaum, Neue Beiträge zur semit. Sagenkunde S. 56f.). Deshalb wurden sie auch, als sie ihn erblickten, samt und sonders zahm; auch alle, die ihrer Natur nach sehr wild sind, wurden sofort beim ersten Anblick sehr unterwürfig und zeigten wohl gegen einander unbändige Kampfeswut, gegen den Menschen allein aber Fügsamkeit. Aus diesem Grunde hat ihn auch der Vater, da er ihn als ein von Natur zum Herrschen geeignetes Wesen schuf, nicht nur tatsächlich, sondern auch durch ein ausdrückliches Gotteswort zum Herrscher über alles eingesetzt, was unter dem Monde auf dem Lande und im Wasser und in der Luft lebt (1 Mos. 1,26) (In dem Midrasch Pesikta Rabbati Zusatz 21 heisst es: „Und Gott der Herr dachte daran, ihn zum Herrscher über seine Welt einzusetzen und zum König über alle seine Geschöpfe, indem er sprach: ich bin König über die obere Welt und der Mensch ist König über die untere Welt.); denn alles, was sterblich ist in den drei Elementen Erde, Wasser und Luft, ordnete er ihm unter; nur die himmlischen Wesen nahm er aus, die ja ein göttliches Los erhalten haben. Einen sehr deutlichen Beweis für diese Herrschaft liefern die täglichen Erscheinungen: unzählige Mengen von Zuchtvieh werden bisweilen von einem einzigen beliebigen Manne getrieben, der weder Waffen trägt noch ein Eisengerät oder irgend ein Abwehrmittel mit sich führt und nur ein Fell als Hülle hat und einen Stab, um damit Zeichen zu geben und sich bei seinen Wanderungen, wenn er müde wird, darauf zu stützen; die zahlreichen Herden von Schafen, Ziegen und Rindern führt ein Schäfer, Ziegenhirt oder Rinderhirt, Menschen, die nicht eben körperlich stark und kräftig sind, so dass sie schon durch ihre Stattlichkeit den Tieren, die sie sehen, Furcht einflössen könnten. Und so kräftige und so gut bewehrte Tiere — denn sie haben von der Natur Werkzeuge erhalten, mit denen sie sich verteidigen — ducken sich nieder wie Sklaven vor dem Herrn und führen aus, was ihnen befohlen wird; Ochsen lassen sich einspannen zur Beackerung der Erde und reissen tiefe Furchen bei Tag und zuweilen auch bei Nacht und ziehen so eine lange Strecke dahin unter Führung eines Landmannes. Wollereiche und mit dichten Vliessen beschwerte Widder stellen sich zur Frühlingszeit auf Befehl des Schäfers gelassen hin oder legen sich ruhig nieder und lassen sich die Wolle abscheren, gewohnt wie die Städte ihren jährlichen Tribut ihrem Könige zu zahlen. Und selbst das mutigste Tier, das Ross, wird leicht am Zügel geführt, damit es nicht im Springen durchgeht; es wölbt den Rücken schön zu bequemem Sitze und nimmt den Reiter auf, trägt ihn und sprengt in gestrecktem Galopp dahin, um an den Ort (des Zieles) zu kommen und den Reiter hinzubringen, wohin dieser gelangen will; der Reiter aber vollendet ohne Ermüdung in aller Ruhe auf eines anderen Körper und Füssen seinen Weg.
