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Werke Augustinus von Hippo (354-430) Sermones Gott ist die Liebe. Die Predigten des Hl. Augustinus über den 1. Johannesbrief
SECHSTE PREDIGT

Das christliche Bittgebet

„Geliebteste, wenn das Herz uns nicht anklagt, so haben wir Zuversicht zu Gott“ (3, 21). Was heißt das: „unser Herz klagt uns nicht an“? Es bezeugt uns als wahr, daß wir lieben und daß die echte Liebe in uns ist, nicht eine heuchlerische, sondern eine aufrichtige, die das Heil des Bruders sucht, die keinen persönlichen Gewinn vom Bruder erwartet, es sei denn sein Heil. „Wir haben Zuversicht zu Gott; und alles, um was wir bitten, werden wir von ihm empfangen, weil wir seine Gebote halten“ (3, 22). Was sind seine Gebote? Muß ich es immer wiederholen? „Ein neues Gebot gebe ich euch, daß ihr einander liebet“ (13,34). Über die Liebe spricht er, sie empfiehlt er. Jeder S. 79also, der die Bruderliebe hat und sie vor Gott hat, da, wo Gott sieht, und dem sein Herz, in strenger Prüfung befragt, nichts anderes antwortet, als daß dort die wahre Wurzel der Liebe ist, aus der die guten Werke erblühen, hat Zuversicht zu Gott, und alles, um was er ihn bittet, wird er von ihm empfangen, weil er seine Gebote hält (Tr. 6, 4).

Hier erhebt sich die Frage, ob nicht der oder jener Mensch, du oder ich, wenn ich Gott, unsern Herrn, um etwas bitte und es nicht erhalte, ob da nicht ein jeder leicht von mir sagen kann: er hat die Liebe nicht; dies läßt sich ja leicht von jedem Menschen, der in dieser Welt weilt, behaupten; aber denke einer über den andern, was er will; eine größere Schwierigkeit als alle andern bereiten jene Männer, die nach allgemeiner Überzeugung, da sie schrieben, heilig waren und jetzt bei Gott sind. Wer hat die Liebe, wenn Paulus sie nicht hatte, der sprach: „Korinther, unser Mund hat sich vor euch aufgetan, unser Herz ist weit geworden; ihr nehmt nicht wenig Raum darin ein“ (2 Kor. 6, 11f.), der weiter sagte: „Ich selbst will mich hingeben für euere Seelen“ (2 Kor. 12, 15), und in dem die Gnade so groß war, daß er offenbar die Liebe besaß? Und dennoch finden wir, daß er gebeten und nicht empfangen hat. Was sagen wir da, Brüder? Darin liegt ein schweres Problem. Wenn du nur auf die Worte achtest, scheinen sie klar; wählst du Beispiele, sind sie dunkel (Tr. 6, 5).

Ich habe es euerer Liebe bereits gesagt, Brüder, niemand achte auf uns! Denn was sind wir oder was seid ihr? Aber werden wir über den Apostel Paulus etwas Schlechtes denken? Liebte auch er S. 80die Brüder nicht? Hatte er nicht das Zeugnis seines Gewissens im Angesichte Gottes? War auch in Paulus jene Wurzel der Liebe nicht, aus der die guten Werke hervorgehen? Welcher Tor möchte das behaupten? Wo also finden wir, daß der Apostel gebeten und nicht empfangen hat? Er sagt selbst: „Damit ich aber wegen der Größe der Offenbarungen mich nicht überhebe, ward mir ein Stachel ins Fleisch gegeben; ein Satansengel, daß er mir Faustschläge versetze; um dessentwillen habe ich schon dreimal den Herrn gebeten, daß er ihn von mir nehme; doch er sprach zu mir: Es genügt dir meine Gnade; denn die Kraft wird in der Schwachheit vollendet“ (2 Kor. 12, 7ff.). Siehe, er ist nicht erhört worden bei seiner Bitte, daß der Satansengel von ihm genommen werde. Doch warum? Weil es für ihn nicht gut war. Also fand der Erhörung für sein Heil, der in seinem Wünschen nicht erhört wurde. Euere Liebe erkenne das große Geheimnis, das wir euch darum ans Herz legen, damit es euch bei eueren Versuchungen nicht vernichte. Die Heiligen werden zu ihrem Heil in allem erhört; immer werden sie erhört zum ewigen Heile; nach diesem verlangen sie und in diesem Sinn finden sie auch immer Erhörung (Tr. 6, 6.)

Doch unterscheiden wir die Erhörungen Gottes! Wir finden nämlich manche, die nicht erhört wurden in ihrem Wünschen, die aber erhört wurden zu ihrem Heile; und wir finden andere, die erhört wurden in ihrem Wünschen und die nicht erhört wurden zu ihrem Heil. (Ein Beispiel für die, die zu ihrem Heile, aber nicht in ihrem Wünschen erhört wurden, ist, wie gezeigt, Paulus.) 

S. 81Finden wir auch solche, die nach ihrem Willen, aber nicht zu ihrem Heile erhört wurden? Führe ich irgend einen Menschen als Beispiel dafür an, so wirst du mir vielleicht sagen: du nennst ihn böse, doch er war gerecht; wäre er nicht gerecht, so hätte Gott ihn nicht erhört. Ich will einen als Beispiel nennen, an dessen Bosheit und Gottlosigkeit niemand zweifelt. Der Teufel selbst begehrte Job und erhielt ihn (Job 1, 11 f.). Der Teufel selbst begehrte, den heiligen Mann zu versuchen, und es ward ihm gewährt, — es begehrte der Apostel, daß der Stachel des Fleisches von ihm genommen würde, und es ward ihm nicht gewährt. Und doch wurde der Apostel in einem tieferen Sinne erhört als der Teufel. Denn der Apostel wurde zum Heile erhört, wenn auch nicht nach seinem Willen; der Teufel wurde nach seinem Willen erhört, aber zu seinem Verderben (Tr. 6,7).

So müssen wir es verstehen, daß Gott, wenn er auch nicht nach unserem Willen gibt, doch zu unserem Heile gibt. Denn wie wenn du das begehrst, was dir schadet, und der Arzt weiß, daß es dir schadet? Gewiß erhört dich der Arzt, wenn du etwa kaltes Wasser begehrst, und er gibt es dir sofort, wenn es dir nützt; wenn es dir nicht zuträglich ist, gibt er es dir nicht. Hörte er etwa da nicht auf dich, oder vielmehr: Hörte er da nicht auf dich zu deiner Gesundheit, indem er deinem Willen widersprach?

So sei also in euch die Liebe. Brüder; sie sei in euch, und ihr mögt ohne Sorge sein: Wenn euch nicht gegeben wird, um was ihr bittet, werdet ihr dennoch erhört, ihr wißt es nur nicht. Lernet es, Gott so zu bitten, daß ihr es dem Arzt überlaßt,

 

S. 82zu tun, was er für gut findet. Du bekenne deine Krankheit, jener bringe das rechte Heilmittel in Anwendung! Du halte nur die Liebe fest! Denn jener will schneiden, will brennen; wenn du rufst und beim Schneiden, beim Brennen und in der Bedrängnis nicht erhört wirst, so darum, weil jener weiß, wie tief die Wunde bei dir sitzt. Du willst schon, daß er die Hand zurückziehe; doch jener dringt der Wunde bis auf den Grund; er weiß, bis in welche Tiefen sie reicht. Er erhört dich nicht nach deinen Wünschen, aber er erhört dich zu deiner Gesundheit.

Seid also gewiß, meine Brüder, daß es wahr ist, was der Apostel sagt: ,,Denn was wir bitten sollen, wie es sich gehört, wissen wir nicht; aber der Geist selbst legt Fürsprache für uns ein mit unaussprechlichen Seufzern, weil er für die Heiligen eintritt“ (Röm. 8, 26 f.). Was heißt das: „Der Geist selbst“ als die Liebe, die in dir durch den Geist gewirkt ist, tritt für die Heiligen ein? Darum ja sagt der nämliche Apostel: „Die Liebe Gottes ist in unsern Herzen ausgegossen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist“ (Röm. 5, 5). Die Liebe seufzt, die Liebe betet; gegen diese kann der die Ohren nicht verschließen, der sie gegeben hat. Sei unbesorgt! Laß die Liebe bitten! Das Ohr Gottes steht ihr offen. Nicht geschieht, was du willst, aber es geschieht, was dir frommt. „Alles, um was wir bitten, werden wir von ihm empfangen.“ Ich habe es nun gesagt; wenn du jenes Wort vom Heile verstehst, bietet es keine Schwierigkeit; verstehst du es nicht vom Heil, begibst du dich in eine Schwierigkeit, die so groß ist, daß sie dich den Apostel Paulus zu S. 83schmähen zwingt. „Alles, um was wir ihn bitten, werden wir von ihm erlangen; denn wir halten seine Gebote und tun vor seinem Angesicht, was ihm gefällt“ (Tr. 6, 8).

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Übersetzungen dieses Werks
Gott ist die Liebe. Die Predigten des Hl. Augustinus über den 1. Johannesbrief
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Einleitung: Gott ist die Liebe. Die Predigten des Hl. Augustinus über den 1. Johannesbrief

Inhaltsangabe

Theologische Fakultät, Patristik und Geschichte der alten Kirche
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