2.
Der Neid aber, der gewöhnliche Feind grossen Glückes, griff auch da ein und riss ein in jeder Hinsicht glückliches Haus auseinander und reizte die Mehrzahl der Brüder gegen den einen auf; im Gegensatz zu der Zuneigung des Vaters für ihn zeigten sie ihm ihre Abneigung und hassten ihn in demselben Masse, wie er (vom Vater) geliebt wurde. Sie äusserten aber ihren Hass nicht, sondern verbargen ihn im Herzen, wodurch er natürlich nur noch mehr wuchs; denn die verborgenen Empfindungen, die sich nicht in losfahrenden Worten Luft machen können, werden dadurch nur schlimmer. Er selbst (Joseph) bewahrt sich seine Herzenseinfalt, er merkt den versteckten Hass der Brüder gar nicht und erzählt ihnen einen glückverheissenden Traum, den er einmal hatte, wie guten Freunden: „Mir träumte", sagt er, „dass die Zeit der Ernte herangekommen war und wir alle zur Einsammlung der Erdfrucht aufs Feld kamen und Sicheln nahmen und mähten, dass dann plötzlich meine Garbe aufstand und sich hoch emporrichtete, während eure Garben wie auf Verabredung scheu zu ihr hinliefen und mit aller Ehrfurcht sich verbeugten". Die Brüder aber, die durch ihre Einsicht wohl befähigt waren, der symbolisch an-gedeuteten Tatsache (πράγμα δηλούμενον (nicht πραγμ' άδηλούμενον) ist mit der Mehrzahl der Hss. zu lesen; διά συμβόλων ist mit δηλούμενον zu verbinden.) durch wahrscheinliche Vermutungen auf die Spur zu kommen, sagten zu ihm: „du meinst doch nicht etwa König und Herr über uns zu werden? denn solches deutest du mit deinem erlogenen Traum an". Der Hass aber wurde noch mehr genährt und bekam immer neuen Anlass zum Wachsen. Einige Tage später berichtete er ahnungslos den Brüdern einen zweiten Traum, den er gehabt hatte, und der sie noch mehr erschreckte als der erste. Er sah nämlich im Traum, dass die Sonne und der Mond und elf Sterne kamen und sich vor ihm verbeugten. Auch der Vater war darüber verwundert; er bewahrte die Sache in seinem Herzen und dachte an die Zukunft (Midr. Bereschl. R. c. 84 zu 1 Mos. 37,11: „... Der heilige Geist sprach (zu Jakob): beachte die Worte, denn sie werden einst in Erfüllung gehen". Vgl. Joseph. Altert. II § 15.). Den Knaben aber wies er aus Furcht, etwas zu versehen, sehr ernst zurecht und sagte ihm: „Sollen wir etwa, ich und die Mutter und deine Brüder, in die Lage kommen uns vor dir zu verbeugen? denn es scheint doch, dass du mit der Sonne den Vater, mit dem Mond die Mutter und mit den elf Sternen deine elf Brüder bezeichnest. Möge solches dir nie in den Sinn kommen, mein Sohn; möge vielmehr die Erinnerung an den Traum dir rasch entschwinden; denn die Hoffnung und Erwartung einer Herrschaft über die Angehörigen ist nach meinem Urteil und, ich glaube, nach dem Urteil aller, denen gleiches Recht und rechtes Verhalten unter Verwandten am Herzen liegt, durchaus verabscheuenswert". Da der Vater aber in Besorgnis war, dass aus dem Zusammenleben Unruhe und Zwist bei den Brüdern entstehen könnte, die dem Träumer Hass nachtrugen für seine Träume, schickte er sie aus, die Viehherden zu weiden, ihn (Joseph) aber behielt er bis zu einem geeigneten Zeitpunkt zu Hause, weil er wusste, dass für die Empfindungen und Leiden der Seele die Zeit der beste Arzt sein soll („Die Zeit der beste Arzt der seelischen Affekte“ ist stoische Lehre. Vgl. Seneca de ira II 29.), der imstande ist Trauer zu beseitigen, Groll zu tilgen und Furcht zu entfernen; denn alles mildert die Zeit, auch was im natürlichen Verlauf der Dinge schwer heilbar ist. Als er aber vermutete, dass der Hass nicht mehr in ihrem Herzen fortwuchere, sandte er den Sohn aus, die Brüder zu begrüssen und zugleich Meldung zu bringen, wie es ihnen und den Viehherden gehe.
