5.
Als der Vater nicht die Wahrheit, dass sein Sohn verkauft sei, sondern die erlogene Kunde vernahm, dass er tot und wohl von wilden Tieren verzehrt sei, wurden gleichzeitig seine Ohren vom Schreck über das, was er vernahm, und seine Augen vom Schreck über das, was er sehen musste, getroffen; denn der zerrissene, beschmutzte und mit vielem Blute getränkte Rock ward ihm gebracht. Zusammensinkend vor Schmerz lag er eine ganze Weile starr da und konnte nicht den Kopf erheben, da das Unglück ihn völlig knickte und niederwarf. Dann brach er plötzlich mit heftigem Gestöhn in einen Strom von Tränen aus und benetzte Wangen und Bart und Brust und die Gewänder an seinem Leibe und sprach: „Nicht der Tod ist es, der mich so sehr betrübt, mein Kind, sondern die Art des Todes. Wenn du in deiner Erde hättest begraben werden können, wäre es ein Trost für mich gewesen; ich hätte dich doch vorher in der Krankheit gepflegt, ich hätte dir im Sterben die letzten Küsse gegeben und dir die Augen geschlossen, ich hätte die vor mir liegende Leiche beweint, ich hätte sie feierlich bestattet und keine der üblichen Ehren unterlassen. Aber auch wenn du in fremder Erde bestattest wärest, hätte ich mir gesagt: wenn die Natur ihren schuldigen Tribut fordert, gräme dich nicht, mein Lieber; nur Lebende haben ein Vaterland, für die Toten ist jede Erde das (geeignete) Grab; und rasch ereilt das Schicksal entweder keinen oder alle Menschen, denn auch der Langlebigste ist kurzlebig im Vergleich zur Ewigkeit (Derselbe Gedanke bei Cicero Tusc. I 94 Cato mai. 69.). Und wenn du doch auf gewaltsame Weise und durch hinterlistigen Anschlag sterben musstest, gälte es mir als kleineres Unglück, wenn du von Menschen getötet wärest, die, nachdem sie dich getötet, des Toten sich vielleicht erbarmt hätten, so dass sie Erdstaub aufschütteten und deinen Körper begruben; und wenn sie auch die allerrohesten Menschen wären, was könnten sie weiter tun als dich unbegraben liegen lassen und davongehen? Dann hätte vielleicht ein am Wege Vorübergehender, der herantrat und dich erblickte, der gemeinsamen Natur sich erbarmt und dich sorgsam bestattet. Nun aber bist du, wie man sagt, Mahl und Leckerbissen für wilde und fleischfressende Tiere geworden, die sich an der Frucht meiner Lenden gesättigt haben. Manche Widerwärtigkeiten habe ich erfahren, durch viele Kümmernisse bin ich arg geprüft, ich musste umherirren, in die Fremde gehen, war gezwungen um Lohn zu dienen, wurde bis zur Lebensgefahr mit Nachstellungen bedroht von solchen, die es am wenigsten durften, vieles habe ich gesehen, vieles gehört, sehr viel Unerträgliches auch selbst erduldet: durch all dies wurde ich nicht gebrochen, da ich gelernt hatte Mass zu halten im Schmerz, aber nichts war zu ertragen so unmöglich wie das jetzt Geschehene, das die Kraft meiner Seele gebrochen und vernichtet hat. Denn wo gibt es einen grösseren und bedauernswerteren Schmerz? Das Gewand des Sohnes wird mir, dem Vater, gebracht, von ihm selbst nicht ein Stück, nicht ein Glied, nicht der geringste Überrest; er ist ganz und gar verzehrt und konnte nicht einmal bestattet werden, und das Gewand scheint mir nur zugesandt zu sein zur Erinnerung an den Kummer und zur Auffrischung dessen, was er erlitten, zu unvergesslichem und unaufhörlichem Schmerz für mich". Mit solchen Reden beklagte er das Schicksal des Sohnes. Die Kaufleute aber verkaufen den Jüngling in Ägypten an einen der Eunuchen des Königs, der Oberküchenmeister war (Die Septuaginta übersetzt den Ausdruck Gen 37,36 שַׂ֖ר הַטַּבָּחִֽים׃ (Oberster der Leibwächter) durch ἀρχιμαγείρος (Oberküchenmeister).).
