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Es geziemt sich jedoch, nachdem wir diese Begebenheiten nach dem Wortlaut (der hl. Schrift) erzählt haben, auch die allegorische Deutung hinzuzufügen; denn nahezu alles oder das meiste in der Gesetzgebung (des Moses) ist Allegorie. Die Lebensrichtung, um deren Deutung es sich hier handelt, heisst bei den Hebräern „Joseph", bei den Griechen „Zusatz des Herrn" (Philo deutet hier den Namen Joseph als kυρίου ττρόσqεσίj an andern Stellen aber (de mut. nom. § 89 de somn. II § 47) blosss als πρόσθεμα oder προσθεσίj), eine zutreffende und für die angedeutete Sache sehr passende Bezeichnung; denn ein Zusatz der die Herrschaft über alles besitzenden Natur ist die bei den einzelnen Völkern herrschende Staatsverfassung. Der „Grossstaat" nämlich ist diese Welt (Vgl. Über die Weltschöpfung § 19.), und er hat eine Verfassung und ein Gesetz: es ist das Naturgesetz, das gebietet, was zu tun, und verbietet, was zu unterlassen. Die Einzelstaaten aber sind an Zahl unbegrenzt und haben verschiedene Verfassungen und ungleiche Gesetze; denn bei den einen sind diese, bei den andern jene Sitten und Gebräuche eingeführt oder später hinzugekommen. Die Ursache davon ist der Mangel an engerer Verbindung nicht nur der Hellenen mit den Barbaren und der Barbaren mit den Hellenen, sondern auch jeder der beiden Volksarten mit der stammverwandten. Gewöhnlich geben sie als Ursache an, was nicht schuld ist, unerwünschte Zeitumstande, Unfruchtbarkeit des Landes, steinigen Boden, die Lage am Meere oder im Binnenlande, auf einer Insel oder auf dem Festlande, und anderes dergleichen, während sie die wahre Ursache verschweigen: die Habgier und das gegenseitige Misstrauen ist es, weshalb sie, nicht zufrieden mit den Satzungen der Natur, das, was den gleichgesinnten Massen insgemein von Nutzen zu sein scheint, „Gesetze" nennen (Plato Gorg. 483 b nennt die Furcht vor der Habsucht der Menschen die Ursache der Gesetze der Menschen.). Darum sind die Einzelverfassungen eigentlich Zusätze zu der einen Natur Verfassung; denn die Gesetze in den Einzelstaaten sind Zusätze zu der rechten Vernunft der Natur („Gerade" oder „Rechte Vernunft" (όρqός λόγος) ist der stoische Ausdruck für Weltseele, Weltvernunft, Naturgesetz im ethischen Sinne.); und so ist auch der Staatsmann ein Zusatz zu dem (Weisen), der nach (dem Gesetz) der Natur lebt.
