3.
Doch was rede ich von Jenem und übergehe im Weibe den schwächeren Theil der Menschennatur? Wenn nicht auch sie vom Manne in den göttlichen Dingen wäre unterwiesen worden, wenn sie nicht begriffen hätte, daß das verborgene Leben besser sei, als das äusserlich erscheinende, so hätte sie dem Manne nicht gestattet, Solches gegen den Sohn zu unternehmen. Denn gewiß hätten sich ihre mütterlichen Eingeweide geregt, und sie wäre auf das Kind losgestürzt, hätte es in ihre Arme geschlossen, und hätte für dasselbe die Todeswunde empfangen. Würde sie nicht zu Abraham diese Worte gesprochen haben: Schone den Sohn, o Mann, damit dir nicht ein schlimmer Nachruf zu Theil werde, damit wir nicht in der späteren Zeit zum Gerede werden. Mißgönne dem Sohne das Leben nicht, beraube ihn nicht des süßen Sonnenstrahls. Ein Brautgemach suchen den Kindern die Väter zu verschaffen, nicht ein Grab, einen Hochzeitskranz, nicht einen Mordstahl, eine Hochzeitsfackel, nicht eine Todtenlampe. Das vollbringen Räuber und Feinde, nicht väterliche Hände an den Kindern. Wenn aber das Unheil durchaus nicht abzuwenden ist, so möge Sara den Tod des Isaak nicht sehen. Sieh, Beide durchbohre mit dem Schwerte, mich Unglückliche zuerst. Ein Stoß wird für Beide genügen. Ein Grabeshügel möge Beide umschließen, ein Gedenkstein den gemeinsamen Unfall verkünden. Dieß und Ähnliches würde Sara gewiß vorgebracht haben, wenn sie nicht das mit ihren Augen geschaut hätte, was für uns unsichtbar ist. Sie wußte nämlich, daß das Ende des Lebens im Fleische der Anfang und Übergang zum göttlichen Leben ist, daß es den Schatten verläßt, die Wahrheit erfaßt, die Täuschungen, Verirrungen und den Lärm fahren läßt und jene Güter findet, die über S. 579 das Auge, das Ohr und das Herz erhaben sind.1 Weder Liebe wird dem Sohne Kummer bereiten, noch eine schmutzige Begierde ihn auf Abwege bringen, noch Hochmuth ihn aufblähen, noch irgend eine andere Leidenschaft, welche auf die Seele nachtheilig einwirkt, ihn beschweren, sondern Gott wird ihm Alles. Deßhalb gibt sie Gott bereitwillig ihren Sohn.
Wie aber macht es der große Job? Als ihm, nachdem er seiner ganzen Habe plötzlich beraubt worden war, bevor seine Seele von den vorhergehenden Schlägen sich erholt hatte, der letzte Schlag gemeldet wurde, wie nahm er das Unglück seiner Kinder auf? Er hatte drei Töchter und sieben Söhne. Er war selig zu preisen wegen seines Kindersegens. Denn obschon ihrer so viele waren, so waren sie doch alle durch die gegenseitige Liebe eins. Nicht lebte Jedes für sich getrennt, sondern Alle besuchten sich gegenseitig, und in abwechselnder Bewirthung bereiteten sie sich, Eines dem Andern, Vergnügen und vergnügten sich selbst. Und so fand nun nach der Reihenfolge auch damals bei dem ältesten Bruder das Gastmahl statt. Gefüllt waren die Mischkrüge, bedeckt mit Speisen der Tisch, in den Händen die Becher, dazu eine Augen- und Ohrenweide, wie es unter solchen Umständen herkömmlich ist, und alle Freuden eines Festgelages, eine und dieselbe Stimmung, Heiterkeit, Scherz und Lachen, alle Lust, die sich bei einer häuslichen Versammlung junger Leute erwarten läßt. Und was geschieht nun weiter? Als der Genuß der angenehmsten Dinge den Höhepunkt erreicht hat, stürzt auf sie die Decke herab und das Gastmahl wird das Grab der zehn Geschwisterte. Und das Blut der jungen Leute vermengt sich mit dem Mischkrug, und die Speisen wurden mit dem Blute der Leiber befleckt. Nachdem nun dieses Mißgeschick dem Job gemeldet ist, so betrachte nun den Kämpfer, nicht, S. 580 um bloß den Sieger zu bewundern, denn die Bewunderung bringt geringen Gewinn, sondern damit du unter ähnlichen Umständen dem Manne nacheiferst, und der Wettkämpfer dein Lehrer werde und durch sein Beispiel zur Zeit des Kampfes mit den Versuchungen zur Ausdauer und Tapferkeit deine Seele salbe.
Was that also der Mann? Hat er irgend einen unedlen und kleinmüthigen Sinn entweder durch irgend ein Wort verrathen oder durch seine äusserliche Erscheinung zu erkennen gegeben? Hat er seine Wangen mit den Nägeln zerfleischt, oder die Haare seines Hauptes ausgerissen, oder es mit Asche bestreut, oder seine Brust mit den Händen zerschlagen oder sich auf die Erde geworfen,2 oder sich mit Klägern umgeben, oder die Namen der Entrafften ausgerufen und ihr Andenken beweint? Nichts von all Dem ist der Fall, sondern der Unheilsbote erzählte das den Kindern zugestoßene Unglück, und dieser hatte es kaum vernommen, so stellte er sogleich über die Natur der Dinge seine Betrachtungen an, indem er sagte, woher die Dinge seien und von wem sie ins Dasein gerufen werden, und wer mit Fug und Recht über die Dinge herrsche. „Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen.“3 Von Gott, will er sagen, haben die Menschen ihre Entstehung, und zu ihm kehren sie zurück. Von wo der Mensch ausgegangen ist, dahin kehrt er auch zurück. Gott also hat die Macht, zu geben, der Nämliche hat auch die Macht, zu nehmen. Da er gut ist, hat er Gutes im Sinne, da er weise ist, begreift er, was Nutzen bringt. Wie es dem Herrn gefiel, ― es gefiel ihm aber durchaus das Rechte, ― so that er auch. Der Name des Herrn sei gepriesen!
S. 581 Du siehst, zu welcher erhabenen Geistesgröße der Kämpfer sich erhoben hat. Die Zeit der Trübsal verwendete er zu einer philosophischen Untersuchung über die Dinge. Denn er wußte genau, daß das wahre Leben ein Gegenstand der Hoffnung, und das gegenwärtige Leben gleichsam ein Same des zukünftigen ist. Es ist aber ein großer Abstand zwischen der Gegenwart und dem Gegenstand unserer Hoffnung, ebenso wie sich die Ähre vom Samenkorn unterscheidet, aus dem sie hervorwächst. Das gegenwärtige Leben entspricht dem Samenkorn, das Leben, auf das wir hoffen, zeigt sich in der Schönheit der Ähre. Denn es muß dieses Vergängliche anziehen die Unvergänglichkeit, und dieß Sterbliche anziehen die Unsterblichkeit.4 In dieser Erwägung beglückwünscht Job seine Kinder wegen ihres glücklichen Looses, weil sie schnell der Bande des Lebens entledigt wurden. Dafür aber ist ein Beweis, daß, während die Verheissung Gottes für alles Geraubte das Doppelte versprach und sonst in Allem doppelter Ersatz geleistet wurde, er nur in den Kindern keine Verdoppelung herbeiführte, sondern für die entrissenen zehn ihm bloß zehn gegeben worden sind. Weil nämlich die Seelen der Menschen ewig bleiben, so erhält er deßhalb für das Verlorene doppelten Ersatz, bei den Kindern aber werden die später gebornen den früheren an Zahl gleichgesetzt, weil sie alle Gott lebten und der zeitliche Tod den Entrafften das Dasein nicht entzog. Denn es ist der Tod bei den Menschen nichts Anderes als eine Sühne der Bosheit. Denn von dem Gott aller Dinge ist unsere Natur im Anfang wie ein Gefäß zur Aufnahme des Guten eingerichtet worden. Da aber der Feind unserer Seelen betrügerischer Weise das Böse hineingegossen, so hatte das Gute keinen Platz. Deßhalb wird, damit die angeborne Bosheit nicht beständig in uns bleibt, das Gefäß vom Tod durch eine bessere Vorsehung auf einige Zeit aufgelöst, damit die Bosheit wegfließe und das S. 582 Menschengeschlecht sich neu bilde und ohne Mischung mit der Bosheit zum ursprünglichen Leben wieder zurückkehre. Denn das ist die Auferstehung, die Umgestaltung unserer Natur zum ursprünglichen Zustand. Wenn nun die Natur ohne Auferstehung in einen besseren Zustand nicht umgebildet werden kann, ohne vorhergegangenen Tod aber die Auferstehung nicht stattfinden kann, so ist wohl der Tod ein Gewinn, indem er uns Ausgangspunkt und Weg der Umwandlung zum Besseren wird. Wollen wir also, Brüder, den Schmerz wegen der Entschlafenen ablegen, dem bloß Die sich hingeben, welche keine Hoffnung haben. Die Hoffnung aber ist Christus, dem Ruhm und Herrschaft, Ehre und Anbetung sei in Ewigkeit. Amen.X. Leichenrede auf die Kaiserin Plakilla.
