3.
Es frägt aber unser Verstand: „Wer war im Anfange?“ Johannes sagt: „Das Wort.“ Welches Wort? Das menschliche Wort oder das Wort der Engel? Der Apostel gibt uns ja zu verstehen, daß auch die Engel ihre eigene Sprache haben, wenn er sagt: „Wenn ich die S. 400 Sprache der Engel redete1.“ — Es hat aber auch das „Wort“ seine doppelte Bedeutung. Das eine Wort wird durch die Stimme hervorgebracht, und hervorgebracht verhallt es in der Luft; das andere Wort aber ist inwendig (ἐνδιάϑετος) [endiathetos] , im Schoße unseres Herzens geborgen, nämlich das gedachte Wort. Es gibt noch ein anderes Wort, die künstliche Rede. Laß dich nur nicht durch den gleichlautenden Ausdruck täuschen! Wie hätte denn im Anfange das menschliche Wort sein können, da doch der Mensch erst später den Anfang seines Daseins erhalten hat? Vor dem Menschen waren die wilden Tiere, vor dem Menschen war das Vieh, waren alle kriechenden Tiere auf dem Lande und im Wasser, waren die Vögel des Himmels, die Gestirne, die Sonne, der Mond, die Pflanzen, Samen, die Erde, das Meer, der Himmel. Also war nicht das menschliche Wort im Anfange, aber auch nicht das Wort der Engel. Denn die ganze Kreatur ist später als die Ewigkeit und hat vom Schöpfer ihr Dasein empfangen. Auch das im Herzen wohnende Wort ist jünger als jeder Gedanke. Wohlan, so nimm das Wort in göttlichem Sinne! Denn Johannes nennt den Eingeborenen Wort, den er bald nachher auch Licht und Leben und Auferstehung nennen wird. Wenn du dann vom Lichte hörst, denkst du auch nicht an das sinnen- und augenfällige Licht, und hörst du vom Leben, dann verstehst du darunter nicht das gewöhnliche Leben, das auch die Tiere mit uns teilen. Wenn du nun hier vom Worte hörst, hüte dich ebenso, infolge deines unzulänglichen Verstandes auf irdische und niedrige Gedanken zu verfallen; suche vielmehr nach dem Sinn des Ausspruches! – Warum Wort? Um anzuzeigen, daß er aus dem Geiste hervorging. Warum Wort? Weil er leidenschaftslos gezeugt wurde. Warum Wort? Weil er das Ebenbild des Erzeugers ist, diesen vollständig in sich darstellt, ohne etwas von ihm zu nehmen, und für sich vollkommen ist, wie auch unser Wort unsern ganzen Gedanken versinnbildet. Was wir nämlich im Herzen gedacht haben, das bringen wir in Worten zum Ausdruck, und so ist das Gesprochene die Versinnbildung des im Herzen S. 401 Gedachten. Das Wort wird nämlich aus dem Überflusse des Herzens hervorgebracht. Unser Herz ist gleichsam eine Quelle, das verlautende Wort aber gleichsam ein Bächlein, das aus dieser Quelle fließt. Deshalb fließt soviel heraus, als zuerst hervorsprudelt, und soviel wird sichtbar, als zuvor verbogen war. Wort also nannte er ihn, um dir die leidenschaftslose Zeugung des Vaters anzudeuten, und um dich das vollkommene göttliche Wesen des Sohnes zu lehren und dadurch die zeitlose Verbindung des Sohnes mit dem Vater anzuzeigen. Denn auch unser Wort, ein Erzeugnis des Geistes, wird leidenschaftslos geboren; der Geist wird ja weder zerschnitten noch geteilt, noch zerfließt er, sondern er bleibt ganz in seinem Wesen bestehen und bringt ein ganzes, vollkommenes Wort hervor, und das verlautende Wort faßt die ganze Kraft des zeugenden Geistes in sich.
Nachdem du nun aus dem Ausdrucke „Wort“ soviel zur Lehre von der Gottheit des Eingebornen vernommen hast, als die Frömmigkeit erlaubt, so vermeide und übergehe ganz geflissentlich all das, was du fremd und widersprechend findest. „Im Anfange war das Wort.“ Hätte er gesagt: „Im Anfange war der Sohn“, so wäre dir mit der Benennung Sohn auch der Gedanken an die Leidenschaft gekommen. Da nämlich bei uns die Geschöpfe in der Zeit zeugen und in Wollust zeugen, darum hat er von vorneherein „Wort“ gesagt, um so schon im vorweg die unziemlichen Vermutungen zu berichtigen und um deine Seele unverletzt zu bewahren.
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1 Kor. 13, 1. ↩