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Works John Chrysostom (344-407) Orationes Ausgewählte Reden (BKV)
Von der Buße (De paenitentia)

3.

Kehren wir zur Geschichte vom Propheten Jonas zurück! „Als der Prophet diese Worte hörte, ging er hinab nach Joppe, um nach Tharsis zu fliehen vor dem Angesichte des Herrn.“1 Wohin fliehst du, o Mensch? Hast du nicht gehört, was der Prophet sagt? „Wohin soll ich vor deinem Geiste gehen, wohin vor deinem Angesichte fliehen?“2 Wohin willst du fliehen? An irgend einen Ort der Erde? Aber „des Herrn ist die Erde, und was sie füllet.“3 Oder in die Unterwelt? „Steige ich zur Hölle hinab,“ heißt es, „so bist du da.“4 Oder in den Himmel? „Steige ich zum Himmel auf, so bist du dort.“ Oder auf das Meer? „Auch dort wird deine Rechte mich halten.“ Das ist denn auch an Jonas in Erfüllung gegangen. Die Sünde hat es an sich, daß sie unsere Seele in Unverstand und Thorheit stürzt, ähnlich wie ein Schwindeliger oder Trunkener gedankenlos und ohne Vorsicht vorwärts taumelt und, wenn eine tiefe Grube, ein jäher Abhang oder sonst Etwas vor ihm liegt, unversehens hineinfällt: ähnlich ergeht es auch Demjenigen, der in die Sünde geräth. Die Begierde nach der Sünde beherrscht ihn wie ein schwerer Rausch; er weiß nicht, was er thut, und denkt nicht an die Zukunft, ja nicht einmal an die Gegenwart.

Also vor dem Herrn fliehst du? Gedulde dich nur ein wenig, und die eigene Erfahrung wird dich lehren, daß du nicht einmal dem Meere entfliehen kannst, das in seinen Diensten steht. Kaum hatte er nämlich das Schiff bestiegen, als auch schon das Meer seine Fluthen aufwühlte und hoch emporschlug. Wenn ein getreuer Knecht bemerkt, daß sein Mitknecht mit geraubten Gütern ihres gemein S. 81 samen Herrn flüchtig geworden, dann wird er ganz gewiß Denjenigen, die etwa dem Dieb Aufnahme und Zuflucht gewährt haben, alle möglichen Hindernisse in den Weg legen und nicht ruhen, bis er den ungetreuen Mitknecht in seine Gewalt bekommen hat. So hat damals auch das Meer, als es seinen Mitknecht [den Propheten, der ja auch in Gottes Diensten stand] bemerkt und erkannt hatte, den Schiffern unbeschreiblich viel zu schaffen gemacht. Es hörte nicht auf zu wüthen und zu tosen, und anstatt sie nur vor Gericht zu schleppen, drohte es dem Schiff und der gesammten Mannschaft den Untergang in den Fluthen, wenn sie ihm den Mitknecht nicht ausliefern wollten. Was thaten nun unter diesen Umständen die Schiffsleute? „Sie warfen die Geräthe, die in dem Schiffe waren, hinaus in das Meer.“5 Allein das Schiff wurde nicht leichter. Denn die ganze schwere Last blieb in ihm: das war der Prophet selbst, eine schwere Last nicht wegen seines körperlichen Gewichtes, sondern wegen der Schwere seines Vergehens. Denn keine Last ist so schwer und drückend als Sünde und Ungehorsam. Darum vergleicht der Prophet Zacharias die Sünde mit einem Bleigewicht.6 Darum beschreibt uns David, was die Sünde ist, mit diesen Worten: „Meine Ungerechtigkeiten gehen weit über mein Haupt und sind, gleich einer schweren Last, zu schwer für mich.“7 Darum läßt Christus selbst an Diejenigen, welche in vielen Sünden gelebt haben, den Zuruf ergehen: „Kommet zu mir Alle, die ihr mühselig und beladen seid, und ich will euch erquicken.“8 Die Sünde war es also, die jenes Fahrzeug beschwerte und in die Tiefe herabziehen wollte. Jonas aber schlief und schnarchte. Das war ein tiefer Schlaf, aber ein ganz betrübter, nicht ein Schlaf der Erquickung; ein kummervoller, nicht ein Schlaf der Trägheit. Denn die gutgesinnten Diener Gottes fühlen es bald, wenn sie gesündigt haben. S. 82 Das erfuhr auch Jonas. Nachdem er die Sünde vollbracht hatte, da sah er ein, wie schwer sie war. So pflegt es mit der Sünde zu gehen. Wenn sie vollbracht, wenn sie gleichsam geboren ist, dann erfüllt sie die Seele mit Schmerz — ganz entgegen den Gesetzen der Natur bei der Geburt des Menschen. Denn sobald der Mensch geboren ist, haben die Wehen der Mutter ein Ende; die Seele aber wird erst dann von Schmerz und Pein zerrissen, wenn sie die Sünde zur Welt gebracht hat.

Was that nun der Steuermann? „Er trat zu ihm und sprach: Steh auf, und rufe den Herrn deinen Gott an!“9 Der Augenschein hatte ihn nämlich überzeugt, daß dieser Sturm kein gewöhnlicher war. Dieser Sturm war offenbar eine Strafe des Himmels; diese tobenden Wasser spotteten aller menschlichen Geschicklichkeit; da konnte die Hand des Steuermannes nicht helfen. Da bedürfte es eines ganz anderen, jenes größern Steuermanns, der das Steuer des Weltalls lenkt; da war Hilfe von oben schlechterdings nothwendig. Darum hörten die Schiffsleute auf, sich mit Rudern, Segeln und Tauen u. s. w. abzumühen; sie zogen ihre Hände von den Rudern zurück und erhoben sie zum Himmel, um Gott den Herrn anzurufen. Als es trotzdem nicht besser wurde, warfen sie das Loos, sagt die Schrift; und das Loos überlieferte nun den Schuldigen dem Richterspruch. Sie haben ihn aber keineswegs sogleich ergriffen und in’s Meer geworfen. Sie haben vielmehr unter dem Wüthen und Toben des Meeres auf dem Schiffe ein förmliches Gericht gehalten, als ob sie sich ganz ungestörter Ruhe erfreuten. Sie gaben dem Schuldigen das Wort, erlaubten ihm, sich zu vertheidigen, und untersuchten Alles ganz genau, wohl wissend, daß sie über ihr Urtheil einem Andern würden Rechenschaft abzulegen haben. Höret, wie sie ihn über Alles ausfragten, ganz wie am Gericht. „Was ist S. 83 dein Geschäft? Woher kommst du? Wohin gehst du? Aus welchem Lande und aus welchem Volke bist du?“10 Wie? hat denn nicht das tobende Meer ihn verklagt? Hat nicht das Loos ihn überführt und verurtheilt? Und doch kann weder das Wüthen des Meeres noch die Verurtheilung durch das Loos sie bestimmen, ihr Urtheil schon zu fällen. Sie verfahren ganz nach den Regeln des Gerichtes. Die Kläger sind zur Stelle, die Zeugen verhört, der Beweis ist erbracht; aber die Richter sprechen ihr Urtheil nicht eher, als bis der Verklagte selbst seines Vergehens geständig ist. So haben hier die Schiffer, Menschen ohne alle Bildung und ohne besondern Verstand, die strenge Ordnung eines Gerichtshofes beobachtet, obgleich inzwischen die Wogen erbrausten, obgleich die größte Verwirrung sie rings umgab und das wüthende Meer sie kaum zu Athem kommen ließ — so heftig war sein Aufruhr —, indem es ohne Aufhören gegen sie ras’te und tobte und seine Fluthen immer von Neuem emporschleuderte. Was mag aber, meine Lieben, die Ursache gewesen sein, weßhalb sie den Propheten so schonend behandelt haben? Das war jedenfalls eine Fügung der göttlichen Vorsehung. Gott fügte es so, um den Propheten Sanftmuth und Liebe gegen die Menschen zu lehren. Er rief ihm gleichsam zu: Nimm dir doch an den Schiffern ein Beispiel, an diesen unwissenden Menschen, die nicht einmal eine einzige Seele verachten, nicht ein einziges Leben — das deine — verderben wollen! Du aber hast, soweit es auf dich ankam, eine ganze Stadt, und zwar eine ganze Stadt von vielen tausend Einwohnern preisgegeben! Sie haben in dir den Schuldigen gefunden, der das Unheil über sie gebracht hat, und trotzdem zeigen sie gar keine Eile, dich zu verurtheilen; du aber hattest den Niniviten Nichts vorzuwerfen und hast sie trotzdem in’s Unglück gestürzt und zu Grunde gerichtet! Du hast mein Gebot, dorthin zu gehen und sie durch deine Predigt zum Heile zurückzuführen, nicht befolgt, während diese S. 84 Männer, ohne mein Gebot zu vernehmen, alles Mögliche aufboten, um dich der Strafe zu entreissen, selbst nachdem du ihrem Gerichte unterstellt und schuldig befunden warst! Nachdem nämlich das Meer als Ankläger gegen den Propheten aufgestanden war, nachdem das Loos ihn überführt, nachdem er sich überdieß selbst schuldig erklärt und seine Flucht gestanden hatte: selbst da eilten sie noch nicht, den Prophet dem Tode preiszugeben; sie zauderten noch immer und suchten mit aller Anstrengung vorwärts zu kommen und boten Alles auf, um ihn selbst nach allen diesen Beweisen seiner Schuld nicht dem Meere ausliefern zu müssen. Allein das Meer gab sich auch jetzt noch nicht zufrieden; oder sagen wir lieber: Gott ließ sie nicht an’s Land kommen, weil er den Propheten nicht bloß durch die Schiffer, sondern auch durch das Seeungeheuer zur Einsicht bringen wollte. Jonas hatte den Schiffern zwar gesagt: „Nehmet mich und werfet mich in’s Meer, und das Meer wird von euch ablassen;“11 gleichwohl spannten sie alle ihre Kräfte an, um zu landen; aber es ward ihnen durch die tobende Fluth verwehrt.


  1. Jon. 1, 3. ↩

  2. Ps. 138, 7. ↩

  3. Ebd. 23, 1. ↩

  4. Ebd. 138, 8. 10. ↩

  5. Jon. 1, 5. ↩

  6. Zach. 5, 7. ↩

  7. Ps. 37, 5. ↩

  8. Matth. 11, 28. ↩

  9. Jon. 1, 6. ↩

  10. Jon. 1, 8. ↩

  11. Jon. 1, 12. ↩

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