Auf das Erdbeben und über Lazarus
Vorbemerkungen
Bei Montfoucon I. 772 ff.
Unter den sieben vom heiligen Chrysostomus in Antiochien gehaltenen Predigten über Lazarus und den reichen Prasser, die sich im ersten Bande der Maurinerausgabe finden, ist die unten folgende die sechste.
Ein starkes Erdbeben hatte vor wenigen Tagen die Stadt heimgesucht. Furcht und Aufregung waren noch nicht ganz gewichen. Der heilige Lehrer benutzte, seiner Gewohnheit nach diese Stimmung und die öffentliche Calamität, um daran seine Ermahnungen anzuknüpfen. Erst im vierten Kapitel fängt er an, sein Thema zu behandeln: Lazarus und der reiche Prasser.
Was diese einfache und doch von Beredsamkeit wahrhaft überströmende Predigt besonders anziehend macht, sind die darin enthaltenen Abschweifungen: über die Beharrlichkeit des Predigers trotz der Unfruchtbarkeit seiner Ermahnungen, über die Pflicht mitleidiger Rücksichtnahme auf glaubensschwache Brüder und über die Entstehung der Sklaverei.
S. 263Die Einfachheit der Diktion, die rednerische Fülle, die Lebendigkeit der Darstellung, die zum Theil durch das Verhalten der Zuhörer1 veranlaßten Exkurse legen die Annahme nahe, daß die Predigt in dieser Form gleich mit- oder nachgeschrieben ist.
Inhalt
Das Erdbeben, das die Stadt kürzlich heimgesucht hat, mahnt zur Furcht Gottes, aber auch zur Dankbarkeit. Die Schrecken des jüngsten Tages. Der Priester darf nicht müde werden zu predigen, wenn er auch noch so wenig Erfolg erzielt. — Nicht die auf Erden gestraften, sondern die scheinbar glücklichen Sünder sind am meiden zu bedauern. Einige werden hier auf Erden und in der andern Welt, andere nur hier auf Erden, andere nur im Jenseits gestraft. Zu den letztern gehörte der reiche Prasser. Sein Lasterleben; Tugenden des Lazarus. Beurtheile die Menschen nur nach ihrem innern werthe! — Das Leben auf Erden ein Theaterspiel. — Tod des reichen Prassers, Tod des armen Lazarus. Das Zwiegespräch zwischen Abraham und dem reichen Prasser. Exkurs über die Entstehung der Sklaverei. Warum sagt Abraham: Du hast dein Gutes zurück -erhalten, und Lazarus sein Böses? — Nichts Gutes bleibt unbelohnt.
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Vgl. K. 4. ↩