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Werke Ephräm der Syrer (306-373) Auswahl ascetischer Abhandlungen über die christliche Tugend und Vollkommenheit. Auswahl ascetischer Abhandlungen über die christliche Tugend und Vollkommenheit. (BKV)
3. Unterricht über die Tugend. Aus dem I. griech.-latein. Theile der römischen Ausgabe von Seite 201 an.

Zweite Ermahnung. Von dem Kampfe gegen das Böse, besonders gegen die bösen Gedanken; die traurige Sklaverei des Lasters; vomVertrauen auf Gott; Aufmunterung zu früher rechtzeitiger Buße.

1. Was du mir in Bezug auf die den Geist beunruhigenden Gedanken klagtest, ist mir nicht unbekannt; denn S. 378 auch ich selbst habe mit dem nämlichen Leiden zu kämpfen und verhehle meine Schwachheit gar nicht. Wir müssen daher unablässig beten, daß uns der Herr von den Nachstellungen der bösen Geister errette. Sie bedrängen uns nämlich nicht bloß, wenn wir in der Ruhe und Einsamkeit uns befinden, sondern auch wenn wir im Hause des Herrn uns versammeln, setzen sie uns heftig zu. Sie reizen uns sogar zu schändlichen und unehrbaren Blicken auf die Körper männlicher Personen; ja der Drache (der böse Feind, die alte Schlange)1 stellt uns selbst Bilder des abscheulichsten Lasters in der Phantasie vor. Er bringt ein Wirrwar von Gedanken in die Einbildungskraft des Bruders, um ihn zu zerstreuen, daß er nicht mit reinem Geiste auf die unbefleckten Geheimnisse unsers göttlichen Erlösers Acht geben kann.

2. Der Enthaltsame wird jedoch durch Bewachung der Augen und Aufmerksamkeit des Geistes unter Mitwirkung der göttlichen Gnade überwinden. Man muß daher sein Herz und die Sinne mit aller Wachsamkeit bewahren; denn wir befinden uns in diesem Leben in einem großen Kriege, und der Widersacher tobt rasend; allein man darf dem Kampfe sich nicht entziehen. Wir sollen vielmehr seine phantastischen Bilder besiegen und ihn (vor Grimm) zerbersten lassen; denn der Herr weiß, wie viele Brandmale unser Dränger durch die Gedanken unsern Herzen aufdrückt. Der Herr sieht nämlich nicht wie ein Mensch; „denn der Mensch sieht nur das Äusserliche, Gott aber sieht in das Herz.“2

3. Der Faustkämpfer Sache ist es, keinen Faustschlag zuzulassen: allein wer mit den Leidenschaften im Frieden lebt, wie wird der gegen sie Krieg führen? Er hat sich ja schon zum Sklaven der Lüste gemacht und zahlt mit aller Bereitwilligkeit dem Tyrannen Tribut. Nur wo Feindschaft ist, da herrscht auch Krieg, und wo Krieg stattfindet, dort zeigt sich auch Kampf, und wo Kampf vor sich geht, warten S. 379 auch Siegerkränze. Wenn also irgend Jemand von der bittern Sklaverei befreit werden will, so muß er Krieg gegen den Teufel anfangen. Durch Siege, die sie in diesem Krieg errangen, haben sich die Heiligen der himmlischen Güter würdig gemacht.

4. Vielleicht aber wird Jemand im Vorübergehen den Einwurf machen: „Wenn denn, wo Feindschaft gegen die Leidenschaften obwaltet, auch Krieg zu entstehen pflegt, wie geht es dann zu, daß wir die Wollüstlinge heftig von verderblichen Leidenschaften angefochten sehen, ohne daß sie dadurch sich zur Buße bewegen lassen?“ Allein, mein lieber Freund, ich glaube nicht, daß dieser Krieg für die Tugend und aus Widersetzlichkeit gegen den Tyrannen stattfinde, sondern ein mit der Knechtschaft unter den Leidenschaften und mit der Wollust zusammenhängendes Leiden sei. Daher können sie sich auch nicht entschließen, von dem Feinde sich loszureissen. Die nämlich wirklich im Kriege mit einander begriffen sind, haben durchaus keine Gemeinschaft oder Verbindung mit einander, wie auch der Philister zum Saul sagte: „Gebt mir einen Mann, auf daß wir allein mit einander kämpfen! Erlegt er mich, so wollen wir eure Sklaven sein; erlege aber ich ihn, so sollet ihr uns dienstbar werden.“3 Da nun jene Wüstlinge sich schon zu Sklaven der Willkür des Widersachers und der Lüste gemacht haben, wie kann ihre Lage ein Krieg genannt werden?

5. Bekriegen sie ihre Leidenschaften auch wirklich, so thun sie Dieß nicht aus dem Streben nach Tugend, sondern natürlich im Gefühle der hilflosen Lage, worin sie der Bund mit dem Laster versetzt hat. Darum werfen sich auch Diejenigen, welche sich ganz solchen Leidenschaften ergeben, völlig weg, erniedrigen sich zu sündhaften Gefälligkeiten und Diensten, um den Willen ihres Verführers zu vollziehen. Daher ist es ihnen, wenn sie eine Gelegenheit zum Bösen S. 380 finden, völlig unmöglich, die Sache ruhig zu beurtheilen oder sich zu enthalten oder das Böse zu unterlassen.

6. So verhält sich aber die Sache nicht mit dem Krieg und Kampfe der Heiligen; denn Diese widersetzen sich, wenn sie bekriegt werden, den Angriffen und enthalten sich im Feuer (der Versuchungen) und harren in der Bedrängniß aus und wenden sich um der Furcht Gottes willen ab, wenn ihnen der (verführerische) Gegenstand auch nahe ist. Jene hingegen werden angefochten, nicht, als ob sie eine dem Tyrannen entgegengesetzte Gesinnung hätten, sondern, damit sie die gewöhnlichen Tribute bezahlen und die Dienstleistungen der bösen Begierden nicht versagen:4 von wem nämlich Jemand überwunden worden ist, Dem ist er auch als Sklave unterworfen.

7. Wenn sonst ein Wettkämpfer niedergeworfen wird, so steht er sogleich wieder auf. Die nämlich von Barbaren gefangen gehalten werden oder in die Gewalt eines Tyrannen fallen, freuen sich nicht alle über die Sklaverei bei Denjenigen, in deren Gefangenschaft sie gerathen sind, sondern nur Jene, welche sich entschließen, mit ihnen die Reisenden auszurauben und umzubringen. Diese allein bleiben mit Freuden bei ihnen, werden deßwegen von Fesseln und Kerker frei, sind jedoch Sklaven der Leidenschaften; daher kämpfen sie auch für die Barbaren und werden zu Spionen gegen ihre Landsleute gebraucht, weil ihre lasterhafte Denkart sie an die Barbaren fesselt. Die sich hingegen über die Plünderung und Verwüstung bei ihren Landsleuten und über ihr eigenes Elend betrüben, suchen so schnell als möglich zu entfliehen, weil ihnen das zuchtlose Leben unerträglich ist, und sie lauern beständig auf eine Gelegenheit, die Freiheit wieder zu erlangen, welche sie vorher genossen haben, und sie empfinden gar keine Zuneigung zu ihren Gegnern. Darum S. 381 zeigen sie sich auch, wenn sie aus ihrer Hand errettet sind, als Widersacher der Gottlosen und werden wieder Vertheidiger der Gottseligkeit.

8. Es gibt demnach eine Zeit der Buße. Die also von jener Schmach (der Lüste) los werden und Befreiung von der harten Sklaverei erlangen wollen, müssen sich dem Willen des Tyrannen widersetzen und ihn durch Liebe des Schöpfers bekriegen. Dann werden sie selbst Erfahrung vom tugendhaften Kampfe gewinnen, werden selbst den herabrinnenden Schweiß für die Tugend vergießen, wenn sie nicht bloß mit den Lippen, sondern aus ganzem Herzen sagen: „Wisse, o Teufel, daß wir deine Stimme nie hören und deinen Lüsten niemals fröhnen werden!“ Man muß in diesem Kampfe aber auch flehentliche Stimmen zu Gott hinauf schicken mit Denjenigen,5 welche sagen: „Es werden nicht zu Schanden, die auf dich ihr Vertrauen setzen. Und nun folgen wir dir aus ganzem Herzen und fürchten dich und suchen dein Angesicht. Laß uns nicht zu Schanden werden, sondern verfahre mit uns nach deiner Güte und nach der Größe deiner Barmherzigkeit! Errette uns gemäß deiner Wunderthaten und verherrliche deinen Namen, o Herr, und beschämt werden sollen Alle, die deinen Dienern Böses zufügen, und zu Schanden werde alle ihre Macht und zermalmt ihre Kraft, und sie sollen erkennen, daß du allein, o Herr, Gott bist und hochherrlich auf der ganzen Erde.“

9. Mag der Tyrann auch mit der höchsten Wuth den Feuerofen der Wollüste siebenmal glühender machen,6 so sollen die auf den Herrn Vertrauenden unerschrocken hoffen, daß der Feuerofen in kurzer Zeit in Thau werde verwandelt S. 382 werden,7 und der vorher von ihnen gefürchtete Tyrann wird hernach vor ihrem Schatten zittern wegen des Beistandes, der ihnen von oben herab zugekommen ist. Selig sind daher Diejenigen, welche die Heiligung8 in Demuth und Milde bewahren; denn ihre Glieder werden einen tiefen Frieden genießen, indem sich ihre Seele im hl. Geist erfreut. Niemand aber hege das Vertrauen, Ruhe zu finden, wenn er sich dem Willen des Widersachers gehorsam erzeigt; denn der Tyrann behandelt Solche wie Kriegsgefangene, indem er sie zu jedem Werke der Gottlosigkeit dahinreißt und ihre Leiber durch sodomitische Schandthaten verderbt und schändlich befleckt. Weil sie, erkärt er, nie mit weiblichen Personen zu thun gehabt hätten, so verdienten sie den Ruhm der Jungfräulichkeit, ob sie gleich am ganzen Körper befleckt sind. Ja, der Widersacher sucht sie soweit zu bringen, daß sie sich trotzdem brüsten, als wären sie von jeder Sünde frei, ungeachtet er sie mit herben Beeren und bittern Gifttrauben anfüllt.9 O wie schrecklich ist dieser Krieg! O wie schwierig! Auf wie vielfache Arten verleitet dieser erzböse Jäger uns Menschen, den Herrn zu erzürnen!

10. Selig sind Diejenigen, welche nicht in sein Netz fallen oder, wenn sie schon hineingerathen sind, seine Netze zerreissen und sich daraus flüchten wie ein Fisch, welcher sich aus dem Ziehgarne rettet. Wenn nämlich ein Fisch, der sich im Wasser befindet, gefangen wird, aber das Netz zerbeißt und in die Tiefe hinabschießt, so entkommt er gerettet; ist er aber einmal schon auf's trockne Land gezogen, kann er sich nicht mehr helfen. Ebenso haben auch wir, solange wir in diesem Leben uns befinden, Gewalt von Gott, den Banden der Willkür des Feindes uns zu entreissen und die S. 383 Bürde der Sünden durch die Reue abzuwerfen und in das Himmelreich uns zu retten: allein wenn uns jener furchtbare Befehl trifft und die Seele aus dem Leibe gefahren und der Leib in das Grab gelegt worden ist, so vermögen wir uns nicht mehr zu helfen, wie auch der Fisch, welcher aus dem Wasser emporgezogen und in ein Behältniß eingeschlossen worden ist, sich nicht mehr helfen kann.

11. Bestreben wir uns daher, Geliebte, den Schlingen des Feindes durch gute Werke zu entgeh'n, bevor jener große und erhabene Tag kommt, an welchem Alles offenbar wird, was immer wir heimlich und im Dunkel begangen haben. Warten wir daher nicht, bis der Tod kommt, damit wir nicht zu Schanden werden bei der Auferstehung der Todten, wann die Heiligen mit dem glänzenden Gewande bekleidet werden, welches sie sich durch gute Werke bereitet haben! Wenn wir uns dann nicht bloß von der wie Blitze strahlenden Herrlichkeit entblößt, sondern auch verfinstert und voll Gestankes sehen würden, welche Beschämung würde uns da wohl ergreifen! Verachten wir doch das Werk böser Begierlichkeit, achten wir sie für Nichts, überwinden wir dieß Verächtliche um der Gottseligkeit willen, und lassen wir uns im Geringsten nicht unbewährt finden! Ein großer Schiffbruch ist das Begehen einer Sünde; ringen wir daher wie in einem Wettkampfe, in eine so große Gefahr nicht zu gerathen!

12. Wir werden nämlich durch uns're eigene Sorglosigkeit von den Leidenschaften unterjocht, indem wir ohne Mühe dahinleben wollen und in uns selbst unzeitige Vorwände (zur Beschönigung der Leidenschaften) ersinnen. Einer z. B. sagt: „Ich wohne von Kindheit an im Kloster, und deßwegen setzen mir die Leidenschaften so heftig zu.“ Ein Solcher aber soll hören: Viele von den Heiligen haben von zarter Jugend auf den schönen Kampf gekämpft und die Lüste mit Füßen getreten. Ein Anderer dagegen sagt: „Ich bin in der Welt aufgewachsen und habe viel Böses durch Erfahrung kennen gelernt; daher drängt mich die Gewohnheit zu den Begierden.“ Allein Dieser höre: Viele der S. 384 Heiligen führten einst auch das allerschlechteste Leben, bekehrten sich aber endlich und wurden Gott im höchsten Grade wohlgefällig. Sie gehorchten nämlich von Herzen Dem, der da spricht: „Sei nicht eifersüchtig auf Bösewichter und beneide die Übelthäter nicht! Denn sie werden schnell wie Heu vertrocknen und wie grünend Kraut bald (verdorrt) abfallen.“10 Der Böse (Satan) bezaubert uns, indem er zu allem Schädlichen aufregt, um uns zur Verachtung der Furcht des Herrn zu verleiten. Wir aber sollen mit desto stärkerer Geistesanstrengung sein Gift von uns abwehren mit dem Beistande unsers Herrn Jesu Christi, dem da Ehre sei und Macht in alle Ewigkeiten. Amen.


  1. Offb 12,9. ↩

  2. 1Sam 16,7. ↩

  3. 1Sam 17,8.9. ↩

  4. Wenn Sklaven eines Lasters sich dem zu heftigen Andrang ihrer Lüste widersetzen, so thun sie Dieß nur, um sie desto länger zu genießen und sich durch Übermaß nicht zu sehr zu schwächen. ↩

  5. Mit den drei Jünglingen im Feuerofen zu Babylon. Dan 3,40-46 [Vulg] ↩

  6. D. i.: Mag Satan auch die Glut der Versuchung sieben mal steigern, wie der König von Babylon den Feuerofen. Dan. 3,19. ↩

  7. Wie in Babylon. Dan 3,50 [Vulg]. ↩

  8. Nämlich des Körpers durch die Keuschheit. Das syrische Wort Kadischuto= Heiligkeit bedeutet oft die Tugend der Reinigkeit. ↩

  9. Dtn 32,32. ↩

  10. Ps 30,1.2. ↩

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