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Was für ein Wesen ist nun aber dieser „Ammon“ des Herodot, dessen Worte Celsus zum Beweise dfür angeführt hat, dass ein jeder die Gebräuche seines Landes beobachten müsse? Denn denjenigen von „den Bürgern der Städte Marea und Apis, welche die Grenzgebiete nach Libyen zu bewohnen“, gestattet ihr Ammon nicht, den Genuß von Kuhfleisch als etwas Gleichgültiges anzusehen; und dies ist doch eine Sache, die nicht nur an sich weder gut noch böse ist, sondern auch keinen daran hindert, gut und tugendhaft zu sein. Und wenn ihnen ihr Ammon den Genuß von Kuhfleisch deshalb untersagte, weil dieses Tier für den Landbau nützlich ist, und außerdem deshalb, weil vorzugsweise durch die weiblichen Tiere die Zahl der Rinder wächst, so würde das Verbot vielleicht Berechtigung haben. So aber will er einfach, dass sie die Gesetze der Ägyptier über die Kühe beobachten müßten, da sie „aus dem Nil tränken“. Und hierbei verhöhnt Celsus die Engel„, die nach der Lehre der Juden die Aufträge Gottes vermitteln, und behauptet, “Ammon sei nicht weniger tüchtig, von den göttlichen Dingen Kunde zu geben, als die Engel der Juden„. Welchen Sinn aber ihre Worte, und welchen Zweck ihre Erscheinungen haben, das hat er nicht untersucht. Er hätte sonst gefunden, dass “Gott sich da nicht um die Rinder kümmert", wo er auch über Rinder oder [andere] unvernünftige Tiere Gesetze zu geben scheint, sondern dass dies vielmehr um der Menschen willen geschrieben ist und für sie unter dem Sinnbild unvernünftiger Tiere eine gewisse natürliche Wahrheit enthält.
Celsus behauptet ferner,„keiner begehe ein Unrecht, wenn er die religiösen Gebräuche seines Volkes beobachten wolle“. Hieraus folgt, dass nach ihm die Skythen nichts Unrechtes tun, wenn sie ihren S. 488 Landessitten gemäß „Menschen verzehren“. Und wenn „die von den Indern, die ihre Väter verspeisen, fromm zu handeln“ oder wenigstens nichts „Unrechtes zu tun glauben, so ist auch Celsus dieser Ansicht. Er fügt jedenfalls eine Stelle des Herodot an, die darin mit ihm übereinstimmt, dass jeder recht daran tue, wenn er die Gebräuche seines Landes beobachte; und er scheint es zu billigen, dass zur Zeit des Darius “die Kalatier, ein indisches Volk, ihre eigenen Eltern verzehren„: als nämlich Darius sie befragte, “um welchen Preis sie wohl diese Sitte ablegen wollten, da schrieen sie laut auf und sagten, er solle nicht so gottlos reden".
