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Edle Abstammung, angesehene und vornehme Eltern, welche die Mittel haben, auf die Ausbildung ihres Sohnes etwas verwenden zu können, eine große und berühmte Vaterstadt sind Dinge, die jemandem zu einer hervorragenden Stellung, zum Ruhm und zu einem großen Namen bei den Menschen verhelfen. Wenn aber einer, bei dem von allen diesen Dingen das gerade Gegenteil vorhanden ist, doch trotz aller Hindernisse sich Geltung verschaffen und die von ihm Hörenden erschüttern und bei der ganzen Welt, die doch ungleich über ihn urteilt, bekannt und berühmt werden kann: muß man da nicht eine solche Persönlichkeit ohne weiteres bewundern, die groß und edel in sich, große Dinge angreift und keinen geringen Freimut besitzt?
Wenn man aber die Lebensumstände eines solchen Mannes etwas eingehender erforschen wollte, wird man S. 40 da nicht fragen, wie es gekommen ist, dass er, in einfachen und ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, nicht unterwiesen in den allgemeinen Wissenschaften, auch ohne Unterricht in Redekunst und Philosophie, Wissenschaften, die ihn befähigt hätten, einschmeichelnd und gewinnend zu den Massen zu sprechen, ein Volksführer zu werden und zahlreiche Zuhörer an sich zu ziehen, dass er trotzdem als Verkünder neuer Lehren auftritt und dem Menschengeschlecht einen Glauben bringt, der die religiösen Gebräuche der Juden abschafft, dabei aber zugleich die Ehrwürdigkeit ihrer Propheten betont, und der die Gesetz der Griechen, besonders die über die Gottesverehrung, außer Kraft setzt? Wie konnte ein solcher Mann, der so aufgewachsen war, der, wie auch seine Verleumder zugeben, von niemandem ernsten Unterricht empfangen hatte, wie konnte er so erhabene Lehren verkünden von dem Gerichte Gottes, von den Strafen für die Sünde und von den Ehren für die Tugend, dass seine Worte nicht bloß „bäuerische und ungelehrte Leute“ überzeugten, sondern auch nicht wenige von den Gebildeten, die imstande sind, in die Verhüllung der scheinbar einfacheren1 Ausdrücke hineinzuschauen, welche in sich, wie man sagen darf, etwas Geheimnisvolles umschließt?
Der Seriphier, welcher bei Plato dem durch seine Feldherrnkunst berühmt gewordenen Themistokles vorwarf, er verdanke seine Berühmtheit nicht seinem eigenen Charakter, sondern dem glücklichen Umstande, dass die angesehenste Stadt von ganz Griechenland seine Vaterstadt sei, erhielt von dem einsichtsvollen Themistokles, der einsah, dass zu seinem Ruhm auch seine Vaterstadt das Ihrige beigetragen habe, die treffende Antwort: „Wäre ich zu Seriphos geboren worden, so wäre ich nicht zu so großem Ruhme gelangt; und hättest du das Glück gehabt, als Athener geboren zu sein, du wärest kein Themistokles geworden.“2 Unser Jesus dagegen, dem es zum Vorwurf gemacht S. 41 wird, dass er aus einem Dorfe stammt, das zudem auch nicht in Griechenland gelegen ist, und auch nicht einem Volke angehört, das bei der großen Menge in Ansehen steht, und der geschmäht wird, weil er „der Sohn einer armen Handarbeiterin“ war und „wegen Armut“ sein Vaterland verließ und „in Ägypten um Lohn diente“, und der gleichsam nach dem gewählten Beispiel nicht bloß ein Seriphier war, ein Sohn der kleinsten und unbedeutendsten Insel, sondern sogar, wie man sagen darf, der Geringste unter den Seriphiern - er hat es vermocht, die ganze von Menschen bewohnte Erde im höherem Grade in Bewegung zu setzen, nicht bloß als der Athener Themistokles, sondern auch als Pythagoras und Plato und einige andere Weisen oder Könige oder Feldherren irgend welchen Landes der Erde.
