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Celsus hat nun nicht klargemacht, inwiefern "mit dem Werden Irrtum verbunden ist"; auch hat er seine Ansicht nicht bestimmt dargelegt, dass wir sie mit unseren Lehren vergleichen und uns ein Urteil über sie bilden könnten. Die Propheten aber geben uns über das Gebiet "des Werdens" eine tiefsinnige Andeutung, wenn sie berichten, dass selbst für die Neugeborenen ein Opfer "wegen der Sünde"1 dargebracht werde, da diese von Sünde nicht rein seien. Sie sagen sogar: "In Gesetzlosigkeit wurde ich empfangen, und in Sünden trug mich meine Mutter"2. Wir lesen ferner bei ihnen: "Abtrünnig geworden sind die Sünder vom Mutterschoße an, mit dem auffallenden Zusatz: "Sie irrten vom Mutterleibe an und redeten Lügen"3. So sehr aber verschmähen unsere Weisen alle sinnlich wahrnehmbaren Dinge, dass die Körperwelt bald als "Vergänglichkeit" bezeichnet wird an dieser Stelle: "Denn der Vergänglichkeit wurde die Schöpfung unterworfen, nicht freiwillig, sondern um dessentwillen, der sie unterwarf auf Hoffnung hin", bald als "Vergänglichkeit der Vergänglichkeiten", wie es im Prediger heißt: "Vergänglichkeit der Vergänglichkeiten, alles ist Vergänglichkeit"4. Wer hat aber das Leben der menschlichen Seele hienieden so gering geschätzt wie derjenige, welcher spricht: "Nur ist alles Vergänglichkeit, jeder S. 706 Mensch, der da lebt"?5 Denn er war nicht in Ungewißheit über den Unterschied des Lebens der Seele hier auf Erden und außerhalb der irdischen Welt, auch sagte er nicht:
"Wer weiß denn, ob das Leben nicht ein Sterben ist. Das Sterben aber Leben?"6, sondern spricht getrost die Wahrheit in diesen Stellen aus. "Erniedrigt zum Staub ist unsere Seele"7 und: "In den Staub des Todes hast du mich herabgeführt"8. Derselbe Gedanke ist auch in dieser Stelle enthalten: "Wer wird mich erlösen von diesem Todesleibe?"9 und in dieser: "Welcher den Leib unserer Erniedrigung umgestalten wird"10. Bei einem der Propheten lesen wir: "Du hast uns erniedrigt an dem Orte der Züchtigung"11, indem er mit "Ort der Züchtigung" den Ort rings auf Erden bezeichnet, zu dem der aus dem Paradiese wegen seiner Sünde vertriebene Adam12, d.h. der Mensch, gekommen ist. Man beachte endlich, eine wie tiefe Erkenntnis von der Verschiedenheit des Lebens der Seele der gewonnen hat, welcher spricht: "Jetzt sehen wir durch einen Spiegel im Rätselwort, dereinst aber von Angesicht zu Angesicht"13; ferner: "Solange wir unsere Heimat im Leibe haben, sind wir entfernt vom Herrn"14. Deshalb "geht unser Sinn darauf, auszuwandern aus dem Leibe und einheimisch zu werden bei dem Herrn"15
