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Was uns jedoch betrifft, so müssen wir die Gewogenheit von "Menschen und Königen" verachten, nicht nur, wenn sie durch Mord und Unzucht und rohe Handlungen gewonnen wird, sondern auch dann, wenn sie die Verletzung der Ehrfurcht, die wir dem Gotte des Weltalls schuldig sind, oder gewisse mit Knechtesgesinnung und Unterwürfigkeit gesprochene Worte voraussetzt; denn diese Dinge sind tapfern und hochherzigen Männern fremd, die zugleich mit den anderen Tugenden auch die Standhaftigkeit als eine der höchsten Tugenden pflegen wollen. Wo wir aber dem Gesetz und Worte Gottes nicht zuwiderhandeln, da sind wir nicht S. 812 "wahnsinnig", auch "bestreben wir uns nicht," gegen uns selbst den Zorn eines Königs oder Fürsten zu erregen, der uns dann zu Mißhandlungen und Folterqualen oder auch zum Tode hinführt". Denn wir kennen auch diese Stelle der Schrift: "Jedermann sei untertan der obrigkeitlichen Gewalt: denn es gibt keine Obrigkeit außer von Gott, und die, welche besteht, ist von Gott angeordnet. Wer sich also der Obrigkeit widersetzt, der widersetzt sich der Anordnung Gottes." In unserer Auslegung des Briefes an die Römer haben wir allerdings auch diese Worte, soweit es uns möglich war, ausführlicher und von verschiedenen Gesichtspunkten aus untersucht; hier aber haben wir sie für den vorliegenden Zweck einfacher und nach der gewöhnlichen Auffassung verstanden, da ja Celsus sagt, daß "auch diese nicht ohne dämonische Kraft ihre irdischen Würden erhalten hätten".
Über die Einsetzung der Könige und Fürsten wäre nun viel zu sagen, und wegen der grausamen und gewalttätigen Herrscher oder derjenigen, die infolge ihrer Herrschaft in Weichlichkeit und Schwelgerei verfallen sind, müßte man an dieser Stelle eine gründliche Untersuchung führen; deshalb haben wir für jetzt von einer Prüfung der Frage Abstand genommen. Soviel freilich wollen wir sagen: "Bei dem Glücke des Kaisers schwören wir" nicht, wie auch nicht bei einem andern angeblichen Gotte. Denn wenn, wie einige gesagt haben, "das Glück" nur ein Begriff ist ähnlich den Begriffen"Meinung" und "Entzweiung", so "schwören wir" nicht bei einer Sache, die gar nicht vorhanden ist, als wäre sie ein Gott oder überhaupt vorhanden und fähig, etwas zu bewirken, damit wir nicht die Kraft des Eidschwurs da verwenden, wo es nicht sein darf. Ist aber - wie andere meinen, welche sagen: "Bei dem Glücke des römischen Kaisers schwören heiße soviel als bei seinem Dämon schwören" - das, was man "das S. 813 Glück des Kaisers" nennt, ein Dämon, so müssen wir auch in diesem Falle lieber sterben, als bei einem bösen und treulosen Dämon schwören wollen, der oft zugleich mit dem Menschen, den er als Eigentum erhalten hat, sündigt oder wohl noch mehr als dieser sündigt.
