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Hierauf spricht Celsus folgenden Wunsch aus; „Wenn es doch möglich wäre, daß Griechen und Barbaren, die Asien und Europa und Libyen bis zu den Grenzen hin bewohnen in einem Gesetze zusammenstimmten!“ Da er aber dies für unmöglich hält, fügt er hinzu: „Wer dies glaubt, weiß nichts.“ Es würde einer ausführlichen Untersuchung und Bearbeitung bedürfen, um den Satz, daß alle Vernunftwesen „in einem Gesetze zusammenstimmen würden“, nicht nur als möglich, sondern auch als wahr zu erweisen. Soll ich hier auch über diesen Punkt sprechen, so kann ich nur wenig darüber sagen. Die Stoiker nun behaupten, wenn nach ihrer Meinung das stärkere Element1 über die andern Elemente obgesiegt habe, dann werde die Weltverbrennung eintreten und alles sich zu Feuer wandeln. Wir aber sagen, es werde einmal die Zeit kommen, da das Wort alle vernünftigen Wesen beherrschen und alle Seelen zu seiner Vollkommenheit umgestalten wird, sobald ein jeder sich einfach der Vollmacht bedient und das wählt, was er will, und im dem, was er gewählt hat, verharrt. Wie es bei den körperlichen Krankheiten und Wunden einige gibt, die durch keine ärztliche Kunst geheilt werden können, so ist es andererseits, wie wir behaupten, unwahrscheinlich, daß bei den Seelen ein von der Sünde herstammendes Gebrechen vorhanden sei, das unmöglich von der über allen waltenden Vernunft und von Gott geheilt werden könnte. Denn da das Wort mit seiner ihm innewohnenden Heilkraft mächtiger ist als alle der Seele anhaftenden Übel, S. 822 so läßt es diese Kraft nach dem Willen Gottes bei jedem wirken; und so ist das Ende der Dinge die Vernichtung der Sünde. Ob diese aber so erfolgt, daß die Sünde auf keine Weise irgendwo noch zugelassen werden kann, oder nicht so erfolgt, dies zu lehren, ist nicht Aufgabe der gegenwärtigen Erörterung.
Die Schriften der Propheten reden nun vielfach in geheimnisvollen Ausdrücken über die vollständige Vernichtung des Bösen und die Besserung aller Seelen. Es genägt aber für jetzt, die betreffende Stelle aus Zephania anzuführen, die so lautet: „Mache dich bereit und erhebe dich früh! Die ganze Nachlese ihrer Weinberge ist zerstört. Deshalb warte mein, spricht der Herr, am Tage, da ich mich erhebe zum Zeugnis; denn mein Beschluß ist es, daß ich die Völker versammle, um die Könige zu empfangen, um auf sie auszugießen den ganzen Grimm meines Zornes. Denn im Feuer meines Eifers wird das ganze Land verzehrt werden. Dann werde ich bei den Völkern die Sprache umwandeln, so wie sie bei ihrer Enstehung war, daß alle den Namen des Herrn anrufen, daß sie ihm dienen unter einem Joche. Von den Grenzen der Flüsse Äthiopiens werden sie mir Opfer darbringen. An jenem Tage wirst du dich nicht schämen all deines Tuns, womit du gegen mich freveltest; denn dann werde ich von dir wegnehmen die Äußerungen deiner Geringschätzung und deines Übermutes, und nicht mehr sollst du dich brüsten auf meinem heiligen Berg. Und ich werde unter dir ein sanftmütiges und armes Volk zurücklassen; und scheuen werden sich vor dem Namen des Herrn die übrig sind von Israel, und sie werden kein Unrecht tun und nicht unnütze Worte reden, und nicht wird in ihrem Mund eine S. 823 trügerische Zunge gefunden werden; denn sie werden weiden und sich lagern, und neimand wird sie Aufschrecken.“ Wer in [den Sinn der Schrift einzudringend] vermag, der soll dies alles erwägen und den klaren Inhalt der Prophezeiung darlegen; besonders aber soll er die Bedeutung der Worte prüfen, daß, „wenn das ganze Land verzehrt wird, bei den Völkern die Sprache umgewandelt würde, so wie sie bei ihrer Entstehung war“, entsprechend dem Zustand vor der Verwirrung2 . Auch soll er erwägen, was es bedeutet, daß „alle den Namen des Herrn anrufen, daß sie ihm dienen unter einem Joche“, so daß weggenommen würden „die geringschätzigen Äußerungen des Übermutes“, und nicht mehr „Ungerechtigkeit“ vorhanden sei noch „unnütze Worte“, noch „trügerische Zunge“.
Es schien mir richtig, dies in Kürze und ohne die notwendige genaue Erklärung anzuführen wegen der Worte des Celsus, der „eine Übereinstimmung der griechischen und nichtgriechischen Bewohner von Asien und Europa und Libyen“ für unmöglich hält. Und vielleicht ist eine solche Gemeinschaft auch in Wahrheit unmöglich für die noch mit dem Körper bekleideten Menschen, aber nicht unmöglich für diejenigen, welche von ihm befreit sind.
