2.
Der Verstand faßt (Gedanken) sehr rasch. Die Zunge jedoch bedarf (um Gedanken auszudrücken) der Ausdrücke und langer, wortreicher Erklärung. Mit einem Mal erfaßt das Auge den reichen Chor der Sterne; wollte jedoch jemand im einzelnen ausführen, was der Morgenstern, was der Abendstern, was jeder einzelne Stern ist, dann bedürfte es vieler Worte. Ebenso erfaßt der Verstand im Augenblick Erde, Meer und alle Grenzen der Welt; doch braucht man viele Worte, um das, was er in kürzester Zeit denkt, auszudrücken. Ist der Vergleich, den ich hiermit gegeben habe, auch lehrreich, S. 95 so ist er doch immer noch schwach und hinkt. Denn nicht alles, was von Gott gesagt werden soll, sagen wir von ihm; denn dies ist ihm allein bekannt. Wir sagen nur, was die menschliche Natur faßt und was unsere Schwachheit ertragen kann. Nicht lehren wir, was Gott ist. Daß uns genaue Kenntnis über ihn fehlt, gestehen wir ehrlich. Für den Theologen ist es ein Zeichen großer Weisheit, seine Unwissenheit einzugestehen.
„Machet also mit mir groß den Herrn und lasset uns seinen Namen erheben“ allzumal1; denn nicht einer allein vermag es. Ja selbst wenn wir alle zugleich zusammenkämen, werden wir doch nicht tun, was sein soll. Ich meine da nicht nur uns allein, die wir hier anwesend sind. Denn auch wenn alle Schäflein der ganzen katholischen Kirche der Gegenwart wie der Zukunft zusammenkommen würden, so wird es doch nicht möglich sein, den Hirten nach Gebühr zu preisen.
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Ps. 33, 4 [hebr. Ps. 34, 4]. ↩