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Wir wollen uns also nicht des Kreuzes des Erlösers schämen, sondern uns vielmehr desselben rühmen! Die Kreuzeslehre ist zwar den Juden ein Ärgernis und den Heiden Torheit, uns jedoch Erlösung; sie ist denen, die verloren gehen, Torheit, uns aber, die wir erlöst werden, Kraft Gottes1. Denn der für uns gestorben ist, war — wie gesagt — nicht ein gewöhnlicher Mensch, sondern Gottes Sohn, der Mensch gewordene Gott. Wenn das Lamm, welches im Auftrage des Moses geschlachtet wurde, den Verderber fernhielt2, sollte dann nicht vielmehr das Lamm Gottes, das die Sünden der Welt auf sich nahm, von Sünden befreien? Wenn das Blut des unvernünftigen Lammes Heil wirkte, soll dann nicht vielmehr das Blut des Eingeborenen Heil bringen? Wer nicht an die Macht des Gekreuzigten glauben will, S. 205 möge bei den Dämonen anfragen! Wer den Worten nicht glauben will, glaube den offenkundigen Tatsachen! Auf der weiten Welt sind schon viele gekreuzigt worden, doch vor keinem zittern die Dämonen. Da aber Christus für uns gekreuzigt worden ist, erschrecken die Dämonen, wenn sie nur schon das Zeichen des Kreuzes sehen. Während nämlich die einen sterben mußten wegen ihrer eigenen Sünden, ist er für fremde Sünden gestorben. „Denn keine Sünde hat er getan, und kein Betrug ist gefunden worden in seinem Munde“3. Nicht Petrus war es, der diese Worte gesprochen hatte; von ihm könnte man vermuten, daß er sie aus Schmeichelei gegen seinen Meister gesprochen habe. Isaias hat sie gesprochen; dem Fleische nach hatte er zwar nicht mit ihm verkehrt, doch im Geiste hatte er seine Ankunft im Fleische vorhergeschaut. Doch soll ich jetzt nur einen Propheten als Zeugen zitieren? Auch an Pilatus hast du einen Zeugen; bei der Verurteilung Jesu hatte er erklärt: „Ich finde keine Schuld an diesem Menschen“4. Als er ihn auslieferte, wusch er seine Hände und sprach: „Ich bin unschuldig an dem Blute dieses Gerechten“5. Noch einer ist Zeuge für die Sündelosigkeit Jesu, nämlich der Räuber, welcher als erster in das Paradies einging. Er macht seinem Genossen Vorhalt mit den Worten: „Wir empfangen das, was wir für unsere Taten verdienen. Dieser aber hat nichts Böses getan6; denn wir, ich und du, waren bei der Gerichtsverhandlung zugegen.“