12.
Ehe Jesus bei verschlossenen Türen eintrat, wurde er, der Bräutigam und Seelenarzt, von den bekannten trefflichen, mutigen Frauen gesucht. Die seligen Frauen kamen an das Grab und suchten den, der bereits auferstanden war, und noch flossen aus ihren Augen die Tränen, obwohl sie vielmehr hätten frohlocken und sich freuen sollen über seine Auferstehung. Maria kam, ihn zu suchen, wie das Evangelium erzählt, aber sie fand ihn nicht. Dann hörte sie die Engelsworte, und hierauf sah sie Christum1. Ist auch hierüber geschrieben? Im Hohen Liede heißt es: „Auf meiner Ruhestätte suchte ich den, den meine Seele liebte“2. Wann war es? „Auf meiner Ruhestätte suchte ich bei Nacht den, den meine Seele liebte.“ Maria — sagt (das Evangelium) — kam, „da es noch Nacht war“3. „Auf meiner Ruhestätte suchte ich bei Nacht; ich suchte ihn, und nicht fand ich ihn“4. Im Evangelium sagt Maria: „Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wohin sie ihn gelegt haben“5. Doch die Engel, die damals zugegen waren, heilten die Unwissenheit. Sie sprachen: „Was sucht ihr den Lebenden unter den Toten?“6 Er ist nicht allein auferstanden, sondern er ist noch mit anderen Toten auferstanden. Maria aber wußte es nicht, und in ihrem Namen sagte das Hohe Lied zu den Engeln: „Habt ihr den, den meine Seele liebt, nicht gesehen? Ein wenig nur war ich an ihnen — d. i. den beiden Engeln — S. 244 vorüber, da fand ich ihn, den meine Seele liebt. Ich hielt ihn und ließ ihn nicht“7.