I.
2. Dieses lehre und schärfe ein! 3. Wenn Jemand anders lehrt und den gesunden Worten unseres Herrn Jesus Christus und der Lehren welche der Gottseligkeit gemäß ist, nicht beitritt, 4. der ist aufgeblasen, Nichts wissend, sondern krank an Grübeleien und Wortgezänk, woraus entsteht Neid, Zwist, Lästerungen, böser Wahn, 5. Reibungen sinnverderbter, der Wahrheit beraubter Menschen, welche wähnen, die Frömmigkeit sei ein Erwerb. Von solchen halte dich ferne! 6. Es ist aber die Frömmigkeit mit Genügsamkeit ein großer Erwerb. S. 225 7. Denn wir haben Nichts hereingebracht in diese Welt, offenbar können wir auchNichts hinaustragen.
I. Nicht bloß mit Entschiedenheit muß ein Lehrer auftreten, sondern auch mit Milde, und umgekehrt nicht bloß mit Milde, sondern auch mit Entschiedenheit. Und Das lehrt alles der heilige Paulus, indem er das eine Mal sagt: „Dieses schärfe ein und lehre!“ und das andere Mal: „Dieses lehre und dazu berede.“1 Denn wenn schon die Ärzte den Kranken zureden, nicht damit sie selber gesund werden, sondern damit jene gesund werden und vom Krankenbette sich erheben: so müssen noch viel mehr wir in unseren Ermahnungen gegen unsere Zuhörer diese Milde (ἦθος) anwenden; der hl. Paulus weigert sich sogar nicht, der Diener seiner Zuhörer zu sein, indem er sagt: „Wir predigen ja nicht uns, sondern Jesum Christum, uns aber als Diener um Jesu willen;“2 und: „Alles ist für euch da, sei es Paulus oder Apollo.“3 Und sehr gerne übt er diesen Dienst aus. Er ist ja keine Knechtschaft, sondern bester als Freiheit. „Der ist ein Knecht,“ heißt es, „welcher Sünde thut.“
„Wenn Jemand anders lehrt und den gesunden Worten unseres Herrn Jesus Christus der Lehre, welche der Gottseligkeit gemäß ist, nicht beitritt, der ist aufgeblasen und unwis- S. 226 send.“ Also nicht aus der Wissenschaft entsteht der Hochmuth, sondern aus der Unwissenheit. Wer nämlich die Lehren der Gottseligkeit kennt, der versteht auch gar sehr, sich zu demüthigen. Wer die „gesunden Worte“ versteht, der wird nicht krank. Denn was im Körper die Fieberhitze, Das ist in der Seele der Hochmuth. Wie wir in ersterer Beziehung die hohe Körpertemperatur keinen gesunden Zustand nennen, so auch in letzterer Hinsicht bei den Übermüthigen. Es ist also der Fall möglich, daß ein wissenschaftlich Gebildeter doch ein unwissender Mensch ist. Wer nämlich Das nicht weiß, was man wissen soll, der weiß gar Nichts. Daß aber aus der Unwissenheit die Arroganz entsteht, Das ergibt sich aus der Schriftstelle: „Christus hat sich selbst entäussert.“4 Wer also Das weiß, der wird niemals stolzen Sinn hegen; der Mensch besitzt ja Nichts, ausser was er von Gott hat. Also wird er nicht stolz werden. „Was hast du denn, das du nicht empfangen hättest?“5 Christus hat eigenhändig seinen Jüngern die Füße gewaschen. Wer Das weiß, wie kann Der sich überheben? Darum heißt es in der Schrift: „Wenn ihr Alles gethan habt, so sprechet: Wir sind unnütze Knechte!“6 Der Zöllner fand Gnade bloß wegen seiner Demuth, der Pharisäer aber ging zu Grunde wegen seines Hochmuthes. Der Aufgeblasene ist also ganz unwissend in diesen Dingen. Wiederum spricht Christus: „Habe ich übel geredet, so beweise es mir, habe ich aber recht geredet, warum schlägst du mich?“7
„Krank an Grübeleien und Wortgezänk.“ Also das Grübeln, das „Wortgezänk“ ist eine Krankheit? Gewiß. Denn wenn die Seele in der Fieberhitze des Denkens liegt, wenn es in ihr stürmt, dann grübelt sie. Ist sie gesund, dann grübelt sie nicht, sondern nimmt Alles S. 227 gläubig hin. Mit dem Grübeln und Wortgezänk richtet man Nichts aus. Wenn die Grübelei sich auf Dinge wirft, die bloß der Glaube offenbaren kann, dann bewirkt sie keine Erkenntniß. Wird ja auch ein Mensch, wenn er mit geschlossenen Augen Verlorenes sucht, Nichts zu finden vermögen, und hinwiederum, wenn Jemand auch die Augen offen hält, sich aber in einen dunklen Raum einsperrt und den Sonnenstrahl abschließt und so sucht, so wird er auch nicht im Stande sein, Etwas zu finden. Ebenso findet man auch Nichts ohne Glauben, sondern es entsteht nur Gezänke.
„Woraus Lästerungen entstehen und böser Wahn,“ d. h. böse Lehren und Dogmen entstehen aus den Grübeleien. Wir bekommen ungehörige Wahnvorstellungen von Gott, wenn wir uns auf Grübeleien einlassen.
„Διαπαρατριβαί“ d. h. „Müßiggang“, „Zeitvergeudung“ (διατριβή), oder auch „Reibungen“.8 Gleichwie nämlich räudige Schafe sich an den gesunden reiben und sie dadurch anstecken, so auch diese bösen Menschen.
„Der Wahrheit beraubte Menschen, welche wähnen, die Frömmigkeit sei ein Erwerb.“ Siehst du, was nach dem Apostel Alles aus dem Wortgezänk entsteht? Gemeine Gewinnsucht, Unwissenheit, Hochmuth; denn die Unwissenheit erzeugt den Hochmuth.
„Von solchen halte dich ferne.“ Es heißt nicht: „Geh’ mit ihnen um!“ sondern: „Halte dich ferne!“ d. h. „Weiche ihnen aus!“ „Einen ketzerischen Menschen,“ sagt der Apostel, „sollst du nach ein oder zweimaliger Mahnung meiden!“9 Damit deutet er an, daß diese Menschen nicht so fast aus Unwissenheit so weit gekommen S. 228 sind, sondern daß ihre Unwissenheit von der geistigen Trägheit stammt. Denn wie könnte man zum Beispiel Menschen, die an ihrem Gelde hängen, jemals überzeugen? Andere Argumente gibt es für solche Menschen nicht, als daß man ihnen wieder gibt, und auch so kann man ihre Habsucht nicht stillen. „Das Auge eines Geizigen,“ heißt es, „wird von keinem Vortheil satt.“10 Man muß also solchen unordentlichen Leuten ausweichen. Wenn nun der Apostel den Mann, für welchen die Polemik eine Nothwendigkeit ist, auffordert, mit solchen Leuten nicht umzugehen, um wie viel mehr uns Lehrlinge, die im Verhältniß von bloßen Schülern stehen!
Nach den Worten: „Welche wähnen, die Frömmigkeit sei ein Erwerb,“ fährt der Apostel fort:
„Es ist aber die Frömmigkeit mit Genügsamkeit ein großer Erwerb,“ d. h. nicht für Den, der Geld hat, sondern für Den, der keines hat. Damit nämlich Dieser wegen seiner Armuth nicht verzagt wird, richtet der Apostel ihn auf und tröstet ihn. Sie wähnen, will er sagen, die Frömmigkeit sei Erwerb. Sie ist es auch, aber nicht in diesem gewöhnlichen, sondern in einem höheren Sinne. Darum verwirft er erst die eine Frömmigkeit und preist dann die andere. Daß es nämlich um den irdischen Erwerb Nichts ist, Das erhellt daraus, daß er hier bleibt, und daß er nicht mit uns in’s Jenseits übersiedelt und auswandert. Wie so?
„Wir haben Nichts hereingebracht in diese Welt, also werden wir auch Nichts mit hinausnehmen.“ Nackt kam unser Leib in die Welt herein, nackt wird er hinausgehen. Wir brauchen also nichts Überflüs- S. 229 siges. Sind wir mit Nichts hereingekommen, so werden wir auch mit Nichts hinausgehen.
8. Haben wir nun Nahrung und Kleidung, so lasset uns damit zufrieden sein!
So viele und solche Speisen muß man genießen, als zur Ernährung hinreicht. Soweit müssen wir uns kleiden, als es zur Bedeckung und zur Verhüllung unserer Blößen nothwendig ist, nicht prunkend. Diesem Zweck aber entspricht das nächste Beste.
Sodann zieht der Apostel unsern Sinn von den zeitlichen Dingen ab und sagt:
9. Diejenigen, welche reich werden wollen —
Παράγγελε ταῦτα καὶ δίδασκε; I. Tim. 4, 11. Hier: δίδασκε καὶ παρακάλει. Bei Arnoldi-Lorenzi ist παρακάλε = „schärfe ein!“ obschon das obige παράγγελε früher ebenso übersetzt worden war. Dadurch wird der ganze Sinn verschoben und das unten folgende ἦθος mit „Strenge“ gegeben, während es doch als Gegensatz zu πάθος als dem gewaltigen, erschütternden Affekt die „sanfte Seelenstimmung“ bedeutet. ↩
II. Kor. 4, 5. ↩
I. Kor. 3, 22. ↩
Philipp. 2, 7. ↩
I. Kor. 4, 7. ↩
Luk. 17, 10. ↩
Joh. 18, 23. ↩
Von τρίβω, „ich reibe“. ↩
Tit. 3, 10. ↩
Jes. Sir. 14, 9. ↩
