I.
Kap. II.
1.—4. Ich ermahne euch nun zuerst, vor Allem Gebete zu verrichten, Bitten, Fürbitten, Danksagungen für alle Menschen, für die Könige und für Alle, die in obrigkeitlichem Ansehen stehen, damit wir ein friedliches und ruhiges Leben führen in aller Gottesfurcht und Ehrbarkeit. Denn Dieß ist angenehm und wohlgefällig vor Gott, unserm Heiland, welcher will, daß alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntniß der Wahrheit gelangen.
I. Der Priester ist gleichsam der gemeinsame Vater der ganzen Welt. Er hat sich also um Alles zu kümmern wie Gott selber, dem er als Priester dient. Deßhalb sagt der Apostel: „Ich ermahne euch, zuerst vor Allem Gebete zu verrichten.“ Aus dieser Mahnung entspringen zweierlei gute Folgen. Einerseits wird die feindselige Gesinnung beseitigt, welche wir gegen Menschen hegen, die nicht zu unserer Gemeinschaft gehören, — Niemand S. 76 kann ja Den hassen, für welchen er betet, — andererseits werden diese Menschen selbst besser dadurch, daß für sie gebetet wird, und daß folglich ihre Wuth gegen uns sich legt. Nichts macht nämlich so zugänglich für Belehrung als Liebe und Gegenliebe. Man betrachte nur, wie es wirken mußte, wenn es den Menschen, welche die Christen verfolgten, sie mit Geißelhieben mißhandelten, aus dem Lande vertrieben, sie tödteten, zu Ohren kam, daß Die, welche Solches duldeten, für Die, welche es ihnen anthaten, heisse Gebete zu Gott emporsandten. Siehst du, wie der Apostel den Christen die erhabenste Stellung anweist? Gerade wie es bei kleinen Kindern ist: das Söhnchen, das der Vater auf dem Arme hat, schlägt ihn ins Gesicht, und trotzdem thut Das der väterlichen Zärtlichkeit keinen Abbruch, — so zollen wir den Nichtchristen kein geringeres Maß von Zuneigung, auch wenn wir von ihnen mißhandelt werden.
Was bedeutet der Ausdruck: „Zuerst vor Allem“? Das will sagen: „Bei dem täglichen Gottesdienste.“ Die Eingeweihten wissen Das, wie es jeden Tag gehalten wird, am Abend und am Morgen, wie wir unser Gebet verrichten für die ganze Welt, für die Könige und alle Obrigkeiten. Man könnte entgegnen, daß wir nicht für Alle beten, sondern bloß für die Gläubigen. Wie könnte dann der Apostel sagen: „Für die Könige“? Die Könige waren ja damals nicht gottesfürchtig, sondern gar lange Zeit noch folgte ein gottloser auf den andern. Damit ferner die Sache nicht wie eine Schmeichelei klang, so sagt der Apostel zunächst: „für alle Menschen“ und dann erst: „für die Könige“. Hätte er von den Königen allein gesprochen, so hätte man vielleicht Verdacht schöpfen können. Da es ferner denkbar gewesen wäre, daß die christlichen Seelen bei diesen Worten sich entsetzten und der Mahnung des Apostels das Ohr verschloßen, wenn verlangt wurde, sie sollen bei der Feier der Mysterien Gebete für die Heiden verrichten, so beachte man, was der Apostel S. 77 weiter sagt und wie er die guten Folgen hervorhebt, damit er auch auf solche Weise seine Ermahnung annehmbar mache: „Damit wir ein friedliches und ruhiges Leben führen.“ Das will sagen, daß das Glück der Heiden für uns ein Quell der Ruhe ist, wie der Apostel ja auch im Briefe an die Römer, wo er Diese auffordert, den Obrigkeiten zu gehorchen, beifügt: „Wenn nicht aus Zwang, so doch wegen des guten Gewissens.“1 Gott hat ja die Obrigkeiten aufgestellt zum Nutzen der Gesammtheit. Wäre es nun nicht unangemessen, wenn sie für unsern Nutzen einstehen und die Waffen tragen, damit wir sorglos leben können, und wenn dann wir für sie, die im Felde und in Gefahren sich befinden, keine Gebete verrichten würden? Also es liegt keine Schmeichelei in der Sache, sondern es ist eine Forderung der Gerechtigkeit. Würden sie nicht gerettet und hätten sie Unglück im Kriege, so würde nothwendig auch unser Dasein in Verwirrung und Unruhe gerathen. Entweder müßten wir selbst in den Krieg ziehen, wenn jene gefallen waren, oder wir müßten als Flüchtlinge herumirren. Sie sind gleichsam als eine Art von Schanze aufgeworfen, und Das, was innerhalb derselben sich befindet, lebt durch sie im Frieden.
„Gebet, Bitten, Fürbitten, Danksagungen.“ Man muß nämlich Gott auch Dank sagen für die Wohlthaten, welche Andern zu Theil werden, z. B. daß er seine Sonne aufgehen läßt über Gute und Böse, daß er regnen läßt über Gerechte und Ungerechte. Man sieht, wie der Apostel nicht bloß durch Gebete, sondern auch durch Danksagungen auf unsere gegenseitige Einigung und Zusammengehörigkeit hinarbeitet. Wer Gott für die dem Nächsten erwiesenen Wohlthaten danken muß, der muß den letzteren auch lieben und ihm in Freundschaft zugethan sein. Wenn wir aber für die dem Nächsten erwiesenen Wohltha- S. 78 ten Gott danken müssen, so müssen wir es um so mehr für jene, die er uns erwiesen, für die, welche er uns ohne unser Wissen, mit oder gegen unsern Willen erweist, auch für das scheinbar Schlimme. Denn Gott ordnet alle Dinge zu unserm Besten.
Röm. 13, 5. ↩
