Ueber das Gebet.
In der Abhandlung über das Gebet haben wir eine Schrift Tertullians, die dem Titel und dem Inhalte nach einer gleichnamigen von Cyprian nahekommt. Diesmal aber ist die Parallele nicht so vollständig, wie es bei den Schriften De patientia der Fall war. Schon S. 95 der Titel zeigt das hinlänglich. Der eine betitelt seine Schrift De oratione, der andere De oratione dominica; und die Parallele ist nur darum eine zutreffende, weil Tertullian im ersten Teile c. 2-8 sich ebenfalls mit einer Erklärung des Vaterunser beschäftigt. Jedoch ist sie kaum eine Erklärung desselben zu nennen, weil der Verfasser nur an jede einzelne Bitte eine kurze Reflexion knüpft, die niemals die Sache erschöpft, und meistens nur eine seiner speziellen Lieblingsideen enthält und auch das zum Teil nicht einmal mit vollem Grunde, sondern in etwas gesuchter Weise. Diesmal hat also der Schüler Cyprian den Meister, wenigstens in diesem ersten Teile der Aufgabe, weit übertroffen. Wir sehen aus den Erörterungen Tertullians, daß der Wortlaut dieses Gebetes, welches ihm zufolge ein breviarium totius evangelii ist, von dem auf der Vulgata beruhenden, wie er uns jetzt geläufig ist, nicht abwich.
Der zweite Abschnitt c. 9-30 erscheint in dem Codex Ambrosianus als eine besondere Schrift mit dem Titel: Tertulliani diversarum rerum necessariarum und den Kapitelüberschriften, die wir in der Übersetzung beibehalten haben. Dieser zweite Teil ist allerdings von sehr mannigfaltigem, etwas buntem Inhalt, aber da alles Besprochene doch mit dem Gebet zusammenhängt, so wird er jedenfalls mit dem vorigen nur eine Schrift ausgemacht haben. Er ist besonders darum wertvoll, weil wir daraus mancherlei archäologische Belehrungen über die Art und Weise der alten Christen zu beten und über kirchliche Gebräuche schöpfen. Tertullian spricht nämlich über Zeit und Ort des Gebetes, ob man und wann man dabei stehen oder knien, die Hände ausbreiten soll usw. Besonders lange hält er sich bei der Frage auf, ob die Jungfrauen beim Gebet und Gottesdienst ihr Antlitz verschleiern müßten oder nicht, worüber damals sichtlich Differenzen in der Kirche von Karthago obwalteten. Kapitel 27 zeigt uns, wie die Übungen einzelner frommen Beter Gebetsweisen, die nachher weite Verbreitung erlangten, den Ursprung gaben. Einiges hat Tertullian auch als frömmelnde Übertreibung oder Mißbrauch zu tadeln (Kap. 18, 19, 23).
