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Œuvres Tertullien (160-220) Adversus Marcionem Die fünf Bücher gegen Marcion. (BKV)
Zweites Buch

3. Cap. Dass sich Gott durch geschaffene Werke offenbarte, ist an sich schon Güte. Die Güte ist eine ewige Eigenschaft Gottes.

Wenn wir also in die Untersuchung über den bekannt gewordenen Gott eintreten und es sich darum handelt, in welcher Weise er bekannt geworden sei, so müssen wir mit seinen Werken, welche älter sind als der Mensch, den Anfang machen. Dann werden wir sofort seine Güte wahrnehmen, darnach zugleich mit ihm selbst auch ihren Bestand feststellen und normieren und dies wird uns einen Begriff davon geben und erkennen lassen, wie die übrige Ordnung der Dinge verläuft. Wollen die Schüler des Marcion aber die Güte unseres Gottes prüfen, so sind sie imstande auch deren Gotteswürdigkeit zu erkennen an denselben Titeln, woran wir bei ihrem Gott das Gegenteil gezeigt haben. Da findet er denn gerade das, was ihm als Mittel dient, Anerkennung zu erlangen, nicht bei dem andern vor, sondern hat es sich aus dem, was ihm gehört, zubereitet.

So war denn also die erste Bethätigung der Güte des Schöpfers die: er wollte nicht, dass seine Gottheit ewig verborgen bleiben sollte, d. h. er wollte, dass etwas existiere, von welchem er als Gott erkannt werden könnte. Denn es kann kein grösseres Gut geben, als die Erkenntnis und den Genuss Gottes. Wenn es auch noch nicht erkennbar war, dass es ein solches Gut sei, weil es noch kein Wesen gab, dem es hätte S. 175 ersichtlich sein können, so wusste Gott doch vorher, wie viel Gutes ersichtlich werden würde, und somit liess er seine höchste Güte walten, welche das Hervortreten des Guten, was erscheinen sollte, bewirkt. Natürlich war sie keine plötzlich entstehende von bloss gelegentlicher Güte, nicht durch ein Drittes ins Leben gerufen und nicht erst sozusagen von dem Augenblick an zu datieren, wo sie zu wirken anfing. Denn wenn sie selbst den Anfangspunkt festsetzte, von wo an sie zu wirken begann, so hatte sie selbst ihren Anfang nicht erst im Augenblicke des Schaffens.

Wenn sie es aber war, die den Anfang machte, so hat auch das Zeitverhältniss ihr seine Entstehung zu verdanken, da zu dessen Unterscheidung und Markierung die Gestirne und Himmelslichter angeordnet sind. „Sie werden sein“, heisst es, „zu Zeiten, zu Monaten und Tagen.“ Also für sie, welche die Zeit hervorrief, gab es keine Zeit vor der Zeit, und was den Anfang feststellte, hatte keinen Anfang vor dem Anfang. Da also die Güte sowohl des Anfangs als des Zeitmasses entbehrt, so wird ihr ein unendliches und unbegrenztes Dasein beizulegen sein. Sie kann nicht für plötzlich entstanden, zufällig oder erst hervorgerufen gehalten werden, da es für sie nichts gibt, von wo an sie gerechnet werden könnte, d. h. nichts, was der Zeit ähnlich wäre, sondern sie ist als ewig Gott angeboren und perpetuierlich anzusehen. Darum ist sie auch Gottes würdig und macht schon damit allein die Güte des Gottes Marcions zu Schanden, welche bekanntlich später ist, ich sage nicht — als ihr eigener Anfangsmoment und Zeitverlauf, sondern sogar später als die Schlechtigkeit des Demiurgen, wofern nämlich die Schlechtigkeit von der Güte in Dienst genommen werden konnte.

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