5. Cap. Zwei Vorbemerkungen über die Anwendung der hl. Schrift zu Beweisen bei der gegenwärtigen Erörterung.
Hiermit mag das Vorspiel zum Kampfe, gleichsam der erste Strauss und das Vorpostengefecht beendigt sein. Um nun den Entscheidungskampf und das Handgemenge beginnen zu können, sehe ich mich aber genötigt, vorher noch einige Schranken abzustecken, innerhalb welcher gekämpft werden muss, die hl. Schriften des Schöpfergottes nämlich. Denn da ich im Begriffe stehe, an der Hand derselben zu beweisen1, dass Christus dem Schöpfergott angehörte, weil sie sich nachher an seinem Christus erfüllten, so muss ich auch deren Charakter und sozusagen die Natur dieser Schriften selbst feststellen, damit sie nicht nachher, wenn sie zur Anwendung kommen sollen, in Frage gezogen und so die Aufmerksamkeit des Lesers abgelenkt werde, indem bei Verteidigung der Sache selbst die ihrige noch mit unterläuft.
Ich ziehe also zwei Punkte der prophetischen Reden heran, die fortan von unseren Gegnern anerkannt werden müssen. Der eine ist, dass von zukünftigen Dingen bisweilen als von vergangenen gesprochen wird. Denn es kommt der Gottheit zu, alle ihre Beschlüsse als vollendet anzusehen, weil es bei ihr keinen Unterschied der Zeiten gibt, indem bei ihr die Ewigkeit selbst es ist, welche einen uniformen Zustand der Zeiten vorschreibt. Auch dem prophetischen Schauen ist es natürlicher, das, was sie schaut, noch während des Schauens, als bereits geschaut und damit als bereits vollendet, d. h. als in jedem Falle geschehend darzustellen; wie es z. B. bei Isaias heisst: „Ich habe meinen Rücken den Geisselhieben S. 219 hingegeben, meine Wangen aber den Backenstreichen und mein Antlitz habe ich vor ihrem Qualstern nicht weggewendet.“2 Mag nun Christus schon damals, wie wir annehmen, von sich gesprochen haben, oder mag, wie die Juden annehmen, der Prophet von sich selbst gesprochen haben, jedenfalls wurde von etwas noch nicht Geschehenem so gesprochen, als wäre es schon vorüber.
Der andere Punkt ist, dass sehr oft Dinge in Vorbildern geweissagt werden durch Rätsel, Allegorien und Parabeln, die dann anders zu verstehen sind, als der Buchstabe lautet. Wir lesen, dass die Berge Süssigkeit träufeln lassen werden,3 aber nicht, damit Du Syrup aus den Felsen und Mus von den Klippen erhoffen sollst. Wir hören, dass die Erde von Milch und Honig fliesse4, aber nicht, damit Du glaubst, jemals aus Erdschollen Samische Honigkuchen kneten zu können. Denn Gott verspricht nicht, als Brunnenmeister und Gartenkünstler auftreten zu wollen, wenn er sagt: „Ich werde Ströme bilden in durstigem Lande, Cedern und Buchsbaum setzen in der Wüste.“5 Ebenso, wenn er von der Bekehrung der Heiden redend sagt: „Es werden mich lobpreisen die Tiere des Feldes, die Wespen und die jungen Sperlinge“,6 so ist es gewiss nicht seine Absicht, von den jungen Schwalben, Füchsen und anderen absonderlichen und fabulosen Sängern glückliche Omina zu erhalten.7
Warum aber soll ich mich darüber noch weiter auslassen, da sogar der Lieblingsapostel der Häretiker diesem Gesetze huldigt und das unverkorbte Maul des dreschenden Ochsen8 nicht auf den Ochsen, sondern auf uns deutet und beibringt, der zum Liefern des Wassers dienende Fels sei Christus9 gewesen. Ebenso belehrt er die Galater, die beiden Beweise von den Söhnen Abrahams10 seien allegorisch gewesen, und den Ephesern deutet er an,11 was im Anbeginn vom Menschen gesagt worden sei, dass derselbe Vater und Mutter verlassen und zwei in einem Fleische sein werde, das verstehe er von Christus und der Kirche.