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Œuvres Tertullien (160-220) Adversus Marcionem Die fünf Bücher gegen Marcion. (BKV)
Drittes Buch

7. Cap. Die Marcioniten machen es wie die Juden und ignorieren es, dass von den Propheten neben der Ankunft Christi in Herrlichkeit, auch eine Ankunft in Niedrigkeit geweissagt worden ist.

Jetzt mögen nun die Häretiker und obendrein die Juden auch noch den Grund ihrer Irrtümer kennen lernen; denn es hat sich bei dieser Argumentation der Blinde der Führerschaft des Blinden bedient und ist mit ihm in dieselbe Grube gefallen.

Wir behaupten, dass zwei Erscheinungsweisen Christi von den Propheten angezeigt und damit eine ebenso vielfache Ankunft desselben angekündigt ist, die eine in Niedrigkeit, nämlich die erste, wo er wie ein Lamm zur Schlachtbank geführt werden sollte, ohne dass er seinen Mund aufthut, wie ein Lamm vor dem, der es schert, stumm ist, und nicht einmal ein anständiges Aussehen hat. „Wir haben in betreff seiner verkündiget,“ heisst es, „wie ein Knäblein ist er, wie ein Steckreis in durstigem Boden, kein Ansehen und keine Herrlichkeit ist an ihm; wir sahen ihn und er hatte kein Ansehen und keine Schönheit, sondern sein Aussehen war unscheinbar, hinter den Menschenkindern zurückbleibend, ein Mann mit Wunden, der Schwachheit zu ertragen weiss“,1 „als gesetzt vom Vater zum Stein des Anstosses und zum Felsen des Ärgernisses“,2 „der von ihm nur ein wenig unter die Engel erniedrigt ist“,3 S. 223 „der sich einen Wurm nennt und nicht Mensch, einen Spott der Leute und eine Verachtung des Volkes“.4

Diese Beweise der Unansehnlichkeit stimmen zu seiner ersten Ankunft, sowie die der Hoheit zu der zweiten, wo er schon nicht mehr Stein des Anstosses und Klippe des Ärgernisses sein wird, sondern oberster Eckstein, der trotz seiner Verwerfung angenommen und zur Vollendung des Tempels, der Kirche nämlich, in die Höhe gehoben ist; jenes Felsstück bei Daniel, welches, vom Berge losgelöst, das Urbild der weltlichen Reiche zertrümmern und zerschmettern wird.5 Von dieser Ankunft sagt derselbe Prophet: „Und siehe, mit den Wolken des Himmels als Menschensohn kommend kam er bis zum Alten der Tage, er war vor seinem Angesichte, und die ihn umgaben, führten ihn herbei, und es wurde ihm die Königsgewalt übergeben und alle Nationen der Erde nach ihren Geschlechtern und alle Herrlichkeit diente ihm. Seine Gewalt ist eine ewige und wird ihm nicht genommen werden und auch sein Reich, welches nicht wird zerstört werden.“6 Dann wird er nämlich auch eine schöne Gestalt und eine unvergängliche Schönheit vor den Menschen haben. „Vollendet bist Du an Schönheit vor den Söhnen der Menschen, Lieblichkeit ist ausgegossen über Deine Lippen, deshalb hat der Herr Dich gebenedeit auf ewig. Gürte Dir Dein Schwert um Deine Lenden, mächtig in Deiner Vollendung und Schönheit.“7 Auch der Vater wird ihn, nachdem er ihn ein wenig unter die Engel erniedrigt, mit Glorie und Ehre krönen und alles zu seinen Füssen legen.8 Dann werden ihn auch die erkennen, die ihn durchbohrt haben,9 und sie werden an ihre Brust schlagen, Stamm für Stamm, natürlich darum, weil sie ihn früher in der Niedrigkeit der menschlichen Natur nicht erkannt haben. „Ein Mensch ist er,“ sagt Jeremias, „und wer wird ihn erkennen.“10 „Denn auch seine Geburt,“ sagt Isaias, „wer wird sie erklären?"11

So wird auch bei Zacharias an der Person des Jesus [Josua] sogar mit Benutzung des Geheimnisses seines Namens der wahre Hohepriester des Vaters, Christus Jesus, in Hinsicht der zweifachen Kleidung bei seiner zweimaligen Ankunft beschrieben, zuerst als schmutzig gekleidet, d. h. mit der Unscheinbarkeit eines leidensfähigen und sterblichen Fleisches, wo ihm auch der Teufel Widerstand leistet, als Urheber nämlich des Verrats des Judas, ja, vollends auch als Versucher nach seiner Taufe — sodann als der vorigen schmutzigen Gewande entkleidet und geschmückt mit dem Priestergewande, der Mitra und einer reinen Cidaris, d. h. mit der Herrlichkeit und Ehre der zweiten Ankunft.12

S. 224 Wenn ich ferner die Deutung der beiden Böcke geben wollte,13 welche unter Fasten geopfert wurden, würden nicht auch sie die beiden Stände Christi vorbilden? Allerdings bilden sie ein ganz ähnliches Paar wegen der Identität des Herrn, der geschaut wird; denn er wird, um von denen, welche ihn beleidigt haben, erkannt zu werden, nicht in einer andern Gestalt kommen dürfen. Der eine von ihnen wurde mit einer Purpurdecke umhüllt, verwünscht, bespieen, zerrauft und zerstochen, vom Volke aus der Stadt ins Verderben gestossen, also mit handgreiflichen Kennzeichen des Leidens des Herrn versehen. Der andere aber wurde für die Sünden geopfert und den Priestern des Tempels zum Verzehren übergeben; so stellt er die Kennzeichen der zweiten Anwesenheit dar, wo nach Sühnung aller Sünden die Priester des geistigen Tempels, d. i. der Kirche, gewissermaassen das Eingeweide der Barmherzigkeit des Herrn geniessen, während die andern nach der Erlösung schmachten.

Da mithin die erste Ankunft in den Weissagungen dargestellt wurde, vielfach durch Vorbilder umdunkelt und als in Niedrigkeiten aller Art versenkt, die zweite aber in unverkennbarer Weise und Gott entsprechend, so dass die Juden sie deshalb auch leicht erkennen und glauben konnten, so haben sie ihr Augenmerk bloss auf diese, d. i. auf die zweite geheftet, und täuschten sich darum in betreff der schwerer verständlichen und Gott weniger entsprechenden, d. i. der ersten Ankunft nicht ohne ihr Zuthun. So leugnen sie denn bis auf den heutigen Tag, dass Christus erschienen sei, weil er nicht in Hoheit erschienen ist, und ignorieren, dass er auch in Niedrigkeit erscheinen sollte.


  1. Is. 53, 2. ↩

  2. Is. 8, 14. ↩

  3. Ps. 8, 6. ↩

  4. Ps. 22, 7. ↩

  5. Dan. 2, 34 ff. ↩

  6. Dan. 7, 13. 14. ↩

  7. Ps. 45, 3 ff. [= Ps. 44, 3 ff.]. ↩

  8. Ps. 8, 6 f. ↩

  9. Zacharias 12, 10. ↩

  10. Jerem. 17, 9. ↩

  11. Is. 53, 8. ↩

  12. Zachar. 3. ↩

  13. III. Mos. 16, 5. ↩

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