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Œuvres Tertullien (160-220) Adversus Marcionem Die fünf Bücher gegen Marcion. (BKV)
Drittes Buch

20. Cap. Die Identität des im alten Bunde von den Propheten des Schöpfergottes geweissagten Christus mit dem unter Tiberius wirklich erschienenen folgt weiter aus Ereignissen, die sich sonst noch an dessen Erscheinung knüpfen und die ebenfalls geweissagt waren, nämlich der Verbreitung des Christentums unter allen Völkern, seiner Herrschaft über sie und seiner Abstammung von David.

Es genügt vorläufig, das Auftreten und Verhalten Christi bis hierher durchgegangen zu haben, um zu beweisen, das er so sei, wie er angekündigt wurde, und dass er für keinen andern gehalten werden dürfe, als für den, der so angekündigt würde. Somit wäre denn schon wegen dieser Harmonie seines Auftretens mit den hl. Schriften des Schöpfergottes — wegen des günstigen Vorurteils, das die Majorität erweckt — auch denjenigen Stellen Glauben beizumessen, welche je nach den verschiedenen Standpunkten entweder in Zweifel gezogen oder gar geleugnet werden. Wir fügen aus den hl. Schriften des Schöpfergottes noch obendrein alle analogen Umstände bei, welche vorher verkündigt wurden als nach Christas sich ereignend. Denn der betreffende Ratschluss würde als nicht vollzogen dastehen, wenn derjenige nicht erschienen wäre, nach dessen Erscheinen er eintreten sollte.

Wirf einen Blick auf die sämtlichen Heidenvölker, wie sie sich von da ab aus den Wirrsalen des menschlichen Wahnes zum Schöpfergott und zum Gott Christus erheben, und leugne, wenn Du es imstande bist, S. 244 dass er vorher verkündet worden sei. Da wird Dir aber sofort in den Psalmen die Verheissung des Vaters entgegentreten: „Mein Sohn bist Du, heute habe ich Dich gezeugt. Fordere es von mir, und ich will Dir die Völker der Erde zum Erbe geben und zu Deinem Besitztum die Grenzen der Erde.“1 Du wirst nicht imstande sein, mit Erfolg den Satz zu behaupten, dieser Sohn sei David, nicht Christus, und die Verheissung der Grenzen der Erde sei David gegeben, da dessen Herrschaft innerhalb der Grenzen des einzigen Judenvolkes eingeschlossen blieb, und nicht vielmehr Christus, der bereits den ganzen Erdkreis durch den Glauben an sein Evangelium in Besitz genommen hat. So spricht er auch durch Isaias: „Siehe, ich habe Dich gemacht zum Bunde für das Volk, zum Lichte der Heiden, zu öffnen die Augen der Blinden, d. i. der Irrenden, zu lösen aus den Banden die Gefesselten, d. i. von den Sünden zu befreien, und aus der Zelle des Kerkers, d. i. des Todes, diejenigen, die in den Finsternissen, der Unwissenheit nämlich, sitzen.“2 Wenn diese Prophezeiungen durch Christus zur Erfüllung gelangen, so haben sie auf keinen andern Bezug, als auf den, durch welchen sie eintreffen. Ebenso an einer andern Stelle: „Siehe, ich habe ihn gesetzt zum Zeugnisse für die Nationen, zum Fürsten und Herrscher über die Heiden; Nationen, welche Dich nicht kennen, werden Dich anrufen und die Völker werden zu Dir ihre Zuflucht nehmen.“3 Dies wirst Du wohl nicht auf David deuten, weil vorhergeht: „Ich werde mit Euch einen ewigen Bund veranstalten, die Verpflichtungen Davids, die treuen.“4

Nun gut, Du wirst es in der Folge noch besser einsehen müssen, dass Christus der fleischlichen Herkunft nach als Nachkomme Davids angesehen wurde auf Grund der Abstammung der Jungfrau Maria. In betreff dieser Verheissung legt Gott vor David im Psalm einen Schwur ab: „Von der Frucht Deines Leibes werde ich auf Deinen Thron setzen.“5 Wessen ist dieser Leib? Der des David? Offenbar nicht. Denn David sollte ja nicht gebären. Auch seine Frau ist nicht gemeint. Denn dann wäre nicht gesagt: „Von der Frucht Deines Leibes“, sondern vielmehr: Des Leibes Deiner Gattin. Da aber ausdrücklich sein Leib bezeichnet ist, so bleibt nichts übrig, als dass damit auf jemand aus seinem Geschlechte hingedeutet ist, und dieses Mutterschoosses Frucht sollte der Leib Christi sein, der aus dem Schoosse Mariä hervorging. Darum hat Gott ihn denn auch schlechthin Frucht des Leibes genannt, d. i. des Mutterleibes allein, nicht auch des Leibes eines Mannes, und diesen Mutterleib auf David, als den ersten des Stammes und Vater der Familie, zurückgeführt. Denn S. 245 weil er den Mutterleib der Jungfrau dem Manne nicht zuschreiben konnte, so schrieb er ihn dem Stammvater zu.

Was also heute bei Christus als eine neue Veranstaltung dasteht, das dürfte nur das sein, was der Schöpfergott damals verheissen hat und was er die heiligen Verpflichtungen gegen David, die treuen nannte. Diese betrafen Christus, weil Christus aus David stammt; ja, sein Leib selbst eben wird die Verpflichtung gegen David, die treue sein, da derselbe geheiligt ist durch Frömmigkeit und treu wegen seiner Auferstehung. Auch der Prophet Nathan legt im ersten Buche der Könige6 vor David ein Bekenntnis ab zu gunsten seines Samens. „Derselbe wird“, sagt er, „aus Deinen Lenden sein.“ Wollte man das einfach auf Salomon beziehen, so würde es bei mir Heiterkeit erregen; denn es würde dann den Anschein haben, als hätte David den Salomon geboren. Oder wird nicht etwa auch hier Christus als Samen Davids bezeichnet um des Mutterschoosses willen, der von David herstammt, das ist Mariens? Auch deshalb, weil das Haus Gottes in einem viel bessern Sinne von Christus erbaut werden sollte, nämlich der geheiligte Mensch, in welchem, als in einem bessern Tempel, der Geist Gottes wohnen würde, so ist viel besser Christus für den Sohn Gottes zu halten als Salomon, der Sohn Davids. Denn auch „der Thron für die Ewigkeit und das Reich für die Ewigkeit“ passt besser auf Christus als auf Salomon, der ja nur König für eine Zeitlang war. Von Christus wich auch „die Barmherzigkeit Gottes“7 nicht; den Salomon aber traf sogar der Zorn Gottes, nachdem er Unzucht und Götzendienst begangen. Denn der Satan erweckte als Feind gegen ihn den Idumäer.

Da also von alledem nichts auf Salomon passt, wohl aber alles auf Christus, so dürften unsere Auffassungen wohl begründet sein; denn auch der Verlauf der Dinge bestätigt die Weissagungen, welche offenbar auf Christus gehen. Und so werden sich denn in ihm die heiligen und treuen Verpflichtungen Davids finden, ihn hat Gott zum Zeugnis gesetzt für die Nationen, nicht den David, ihn zum Fürsten und Herrscher der Nationen, nicht den David, der bloss über, Israel zu befehlen hatte. Christus ist es, den heute die Heiden anrufen, die nichts von ihm wussten, und die Völker nehmen gegenwärtig ihre Zuflucht zu Christus, den sie früher nicht kannten. Man kann das nicht mehr für zukünftig ausgeben, was man sich vollziehen sieht.


  1. Ps. 2. 7. ↩

  2. Is. 52, 6 ff. ↩

  3. Is. 55, 4 ff. ↩

  4. Is. 55, 3, vgl. mit II. Kön. 7, 12, religiosa hat Tertullian wörtlich nach LXX ὅσια [hosia], während die Vulg. misericordias setzt. ↩

  5. Ps. 131, 11 [=132, 11]. ↩

  6. Nach der Vulgata II. Regum 7. 12. ↩

  7. Ebend. 7, 15. ↩

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