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Œuvres Tertullien (160-220) Adversus Marcionem Die fünf Bücher gegen Marcion. (BKV)
Drittes Buch

24. Cap. Auch die Weissagungen, welche das neue himmlische Jerusalem, das Reich des Messias und die letzten Dinge überhaupt betreffen, sind keineswegs danach angethan, zur Annahme eines zweiten, noch zu erwartenden Messias zu nötigen. Es ist nur einer verheissen, der wirklich erschienen ist und das Himmelreich auf die Erde gebracht hat.

Nein, entgegnet Marcion, ich hoffe davon, dass auch es, das Reich Gottes selbst, das einen ewigen und himmlischen Besitz gewährt, dazu beitrage, die Verschiedenheit zu bezeugen. Euer Christus aber verheisst den Juden übrigens ihren frühern Zustand wieder, als Folge der Erneuerung S. 251 der Erde und nach Ablauf des Lebens in der Unterwelt Tröstungen im Schoosse Abrahams. — O welch ein guter Gott, der in Güte wieder hergibt, was er im Zorne weggenommen hat! O, wie doch Dein Gott auch schlägt und heilt, Übles hervorruft und Frieden macht!1 O, wie er doch noch bis in die Unterwelt hinab barmherzig ist.

Doch über den Schooss Abrahams zu seiner Zeit!2 In betreff der Herstellung Judäas aber, welche die Juden selbst, durch die Orts- und Ländernamen verleitet, buchstäblich so hoffen, wie sie beschrieben wird, wäre es zu weitläufig, hier auszuführen, dass sich die allegorische Auslegung davon im geistigen Sinne auf die Kirche, ihr Aussehen und ihre Früchte beziehe; auch findet sich das in einem andern Werke dargestellt, welches wir betiteln: De spe fidelium. Im gegenwärtigen Augenblick wäre das auch unnütz, schon aus dem Grunde, weil es sich hier nicht um die irdische, sondern um die himmlische Verheissung handelt. Wir bekennen auch, dass uns ein Reich auf Erden verheissen sei, aber vor dem Eintritt des Himmelreiches und in einem andern Zustande; nämlich in der Stadt Jerusalem göttlichen Ursprungs, welche auf 1000 Jahre nach der Auferstehung vom Himmel herabgebracht wird. Diese bezeichnet auch der Apostel „als unsere Mutter da droben“,3 und indem er es ausspricht: „dass unser Wandeln“,4 d. i. unser Bürgertum, „im Himmel sei“, versetzt er jenes Reich offenbar in eine himmlische Stadt. Dieselbe war auch Ezechiel bekannt; auch Johannes hat sie gesehen.5

Auch die neue prophetische Rede, die sich in unserer Religion findet,6 legt Zeugnis davon ab in der Weise, dass sie sogar vor der sichtbaren künftigen wirklichen Erscheinung dieser Stadt vorherverkündet hat, ein Abbild derselben werde als Anzeichen in die Sichtbarkeit treten. Es ist denn kürzlich bei dem Feldzug im Orient auch wirklich so eingetroffen und sogar durch heidnische Zeugen festgestellt, dass in Judäa 40 Tage hindurch in den Morgenstunden eine Stadt vom Himmel herabgehängt habe; all ihr Mauerwerk verschwand mit dem Zunehmen des Tageslichtes und sonst war nirgendwo eine Stadt in der Nähe.7

Von dieser Stadt behaupten wir, das sie von Gott vorsorglich hergerichtet sei zur Aufnahme der Heiligen bei der Auferstehung, um dieselben mit der Fülle aller geistigen Güter zu erquicken zum Ersatz für die Güter, welche wir auf Erden entweder verachtet oder verloren haben. Denn es ist recht und Gottes würdig, dass seine Diener an dem Orte, wo sie um seines Namens willen Leiden erduldeten, auch frohlocken. Solche Bewandtnis hat es mit dem himmlischen Reiche, nach dessen S. 252 1000jähriger Dauer, in welchen Zeitraum die Auferstehung der Heiligen einzuschliessen ist, die je nach ihren Verdiensten früher oder später auferstehen werden, dann wir, nachdem sich die Zerstörung der Welt und der Brand des jüngsten Gerichtes vollzogen hat, in einem Nu in die engelhafte Substanz verwandelt, natürlich durch die bekannte Überkleidung mit der Unsterblichkeit, in das himmlische Reich versetzt werden. Von diesem wird jetzt in dieser Weise nur darum gehandelt, weil es vom Demiurgen nicht vorherverkündet sein soll und darum als Beweis dafür verwendet wird, dass der Christus, von welchem es zuerst und allein geoffenbart ist, einem andern Gotte angehöre.

Lass Dir bereits an dieser Stelle sagen, dass auch jene Dinge vom Demiurgen vorher verkündet worden sind und dass sie auch ohne dies bei ihm anzunehmen wären. Was sagst Du denn dazu, dass dem Abraham nach der ersten Verheissung, wodurch ihm ein Same von der Menge der Sandkörner verheissen wird, auch noch bestimmt wird, den Sternen gleich zu sein? Sind das nicht Hindeutungen auf einen irdischen und einen himmlischen Ratschluss Gottes? Wenn Isaak seinen Sohn Jakob segnend sagt: „Es gebe Dir der Herr vom Tau des Himmels und vom Fett der Erde“,8 sind das nicht Beweise von einer doppelten Schenkung? Es ist hier auch die Struktur des Segensspruches selbst zu beachten. In betreff Jakobs nämlich, der das Abbild des spätern und vorzüglichem Volkes ist, das ist des unsrigen, ist erster Gegenstand der Versprechung der himmlische Tau, das Fett der Erde erst der zweite. Denn wir werden zuerst zu den himmlischen Dingen eingeladen, indem wir uns vom Heidentum lossagen, und so stehen wir erst nachher als solche da, die auch das Irdische erlangen werden. Auch Euer Evangelium enthält ja die Aufforderung: „Suchet zuerst das Reich Gottes, und dieses wird Euch zugegeben werden.“9 An Esau aber richtet er das Versprechen irdischen Segens und reihet den himmlischen daran, indem er sagt: „Im Fett der Erde wird Deine Wohnung sein und im Tau vom Himmel.“10 An Esau nämlich zeigt sich der Ratschluss in betreff der Juden, die der Geburt nach die ersten, der Liebe nach die letzten Söhne sind; er beginnt mit den irdischen Gütern durch das Gesetz und wird nachher durch das Evangelium mittels des Glaubens zu Himmlischem hindurchgeführt.

Wenn Jakob träumt, dass Leitern von der Erde nach dem Himmel reichen,11 Engel daran teils auf-, teils niedersteigen und der Herr oben daraufstehe, so würde es vielleicht von unserer Seite eine verwegene Deutung sein, wenn wir in diesen Leitern den Weg zum Himmel angezeigt finden, wohin einige gelangen, von wo andere herabsteigen, wie es durch das S. 253 Gericht Gottes festgestellt ist. Warum aber machte sich Jakob, sobald er erwachte und vom Schauer des Ortes ergriffen wurde, an eine Deutung des Traumes? Sobald er nämlich den Ruf ausgestossen: „Wie schrecklich ist dieser Ort“, sagte er sofort: „Hier ist nichts anderes als das Haus Gottes und die Pforte des Himmels.“12 Er hatte nämlich Christus, den Herrn gesehen, welcher der Tempel und die Pforte Gottes ist, denselben, durch welchen man zum Himmel gelangt. In keinem Falle hätte er die Bezeichnung Himmelspforte gebraucht, wenn man bei dem Schöpfergott nicht in den Himmel gelangen kann.

Aber es gibt auch wirklich eine Pforte, die sich aufthut und dahin führt, und welche die schon von Christus bereitete ist. Von ihm sagt Amos: „Er, der zum Himmel seinen Aufgang bauet“,13 natürlich nicht für sich allein, sondern auch für die Seinigen, die bei ihm sein werden. „Und Du wirst Dich mit ihnen umgeben“, heisst es, „wie eine Braut mit ihrem Schmuck,“14 Darum zielt der Geist auf diejenigen, welche dem Himmelreich auf diesem Aufgange zueilen, wenn er sagt: „Sie fliegen, als wären sie Geier; sie fliegen wie die Wolken und wie junge Tauben zu mir“,15 versteht sich, einfältig wie die Tauben. „Wir werden nämlich“, nach dem Ausspruche des Apostels, „in die Wolken entrückt werden, entgegen dem Herrn“,16 wenn nämlich „der Menschensohn — nach Daniel — in den Wolken kommen wird“,17 und „so werden wir allzeit bei dem Herrn sein“,18 während wir bis dahin sowohl im Himmel als auch auf Erden waren. Er ruft um derentwillen, welche seinen Versprechungen gegenüber undankbar sind, die Elemente selbst zu Zeugen an: „Merke auf, Himmel, und nimm es zu Ohren, Erde.“19

Ich für meine Person aber würde, wenn ich auch die Handhabe der himmlischen Hoffnung, welche mir die hl. Schrift so oft reicht, nicht besässe, ich würde doch für diese Verheissung eine ausreichende Bürgschaft darin besitzen, dass ich bereits die irdische Gnade inne habe. Ich würde auch etwas vom Himmel erwartet haben, von Gott nämlich, der ebenso Gott des Himmels ist wie auch der Erde. Darum würde ich geglaubt haben, dass der Christus, der das Höhere verspricht, der Christus dessen sei, der auch das Niedere versprochen, der im Kleinen eine Probe der grösseren Dinge gemacht, der die Ankündigung dieses vielleicht ganz unerhörten Reiches für seinen Christus allein aufgespart hat, damit die Herrlichkeit auf Erden durch Diener, die Herrlichkeit des Himmels aber durch Gott selbst angekündigt werde.

S. 254 Du aber stützest Dein Vorgeben, dass es noch einen andern Christus gebe, auch darauf, dass er ein neues Reich ankündigte. Erst müsstest Du doch irgend ein Beispiel von seiner Freigebigkeit beibringen, damit nicht bei mir berechtigte Zweifel an der Glaubwürdigkeit solcher Verheissung entständen, die ich Deiner Aussage nach hoffen soll. Oder noch besser, Du solltest vor allen Dingen beweisen, dass der, welcher Deiner Predigt zufolge himmlische Dinge verheisst, auch einen Himmel besitze. So aber ladest Du zu einer Mahlzeit ein, ohne uns das Haus zu zeigen. Du sprichst von einem Königreiche, ohne uns die Residenz anzugeben. Aber vielleicht verspricht gar Dein Christus ein himmlisches Reich, ohne einen Himmel zu besitzen, wie er sich auch als Mensch darstellt, ohne einen Leib zu besitzen ?! O, hier ist alles Phantasie, auch die grosse Verheissung nur Taschenspielerei!


  1. Was Marcion als bei einem und demselben Gott unvereinbar ausgegeben hatte. ↩

  2. In IV Marc., C. 4. ↩

  3. Gal. 4. 26. ↩

  4. Phil. 3, 20. ↩

  5. Ezech. 48, 30. Offenb. Joh. 22, 2. ↩

  6. Der Montanismus. ↩

  7. Offenbar eine fata morgana, wie sie in heissen Wüstengegenden zuweilen vorkommen. ↩

  8. Gen. 27, 28. ↩

  9. Lukas 12, 31. ↩

  10. Gen. 27, 39. ↩

  11. Gen. 28, 10 ff. ↩

  12. Gen. 28, 17. ↩

  13. Amos 9, 6. ↩

  14. Is. 49, 18. ↩

  15. Is. 60, 8. Die LXX hat „wie junge Tauben zu mir“; die Vulg. quasi columbae ad fenestras suas. Die milvi aber fehlen in beiden Texten. ↩

  16. I. Thess. 4, 17. ↩

  17. Dan. 7, 13. ↩

  18. I. Thess. a. a. O. ↩

  19. Is. 1, 2. ↩

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