Über die Aufforderung zur Keuschheit
Die letzte Schrift dieser Gruppe führt den Titel: „Über die Aufforderung zur Keuschheit". Sie zeigt, wie regen Anteil er an dem sittlich-religiösen Zustand der Gemeinde nahm und wie er es wagen konnte, selbst bei intimen persönlichen und familiären Vorkommnissen Rat zu erteilen. Ein Christ der Gemeinde — vielleicht ist es jener Fabius, für welchen die Schrift über das Fliehen in der Verfolgung geschrieben wurde — hatte seine Frau verloren. Tertullian gab ihm nicht bloß den Rat, nicht wieder zu heiraten, wie er denn überhaupt von Anfang an die zweite Ehe mißbilligte, sondern er richtete an ihn die ernste Mahnung und Aufforderung dazu. Sein Rigorismus hatte sich also seit Abfassung der zwei Bücher an seine Frau wesentlich gesteigert. Als Tertullian diese Schrift verfaßte, war er bereits vollendeter Anhänger des Montanismus, aber doch noch nicht Priester (vgl. c.7, Nonne et nos laici sacerdotes sumus?).
Um aus der Ermahnung, welche der Apostel Paulus 1 Kor. 7, 39 gibt, ein Verbot der zweiten Ehen abzuleiten, bedurfte es eines bedeutenden Aufwandes von Sophistik, und dieser steht Tertullian zu Gebote. Wenn Paulus sagt: „Entschläft aber ihr Mann, so ist sie frei; sie heirate, wen sie will, aber nur im Herrn", so erkennt Tertullian darin bloß den „erlaubenden", aber nicht den eigentlichen Willen Gottes, und nur der letztere soll gelten. Wenn diese logischen Künsteleien auch abstoßen, so muß die Entschiedenheit, mit welcher der Autor für die Keuschheit und geschlechtliche Enthaltsamkeit im ganzen und im einzelnen eintritt, Bewunderung erregen. Doch kommt sein Rigorismus einem Verbot der Ehe überhaupt fast gleich (vgl. Kap. 9). S. 100 Auch in archäologischer Hinsicht kann man aus dieser Schrift viel lernen. Das Wichtigste aber, was uns in betreff des Lebens Tertullians seine Schriften bieten, ist hier zu finden, nämlich die Mitteilung, daß er gegen Ende seiner katechetischen Laufbahn noch nicht Priester war. Dadurch wird die früher erwähnte Behauptung des Hieronymus als irrig erwiesen. Leider ist sie von den bisherigen Bearbeitern des Lebens unseres Autors stets als bare Münze hingenommen worden, und das ist der Grund, weshalb man in diesem Punkt über mangelhafte Leistungen noch nicht hinausgekommen ist.
