23.
Nach allen anderen Geschöpfen also ist, wie gesagt, der Mensch geschaffen worden, und zwar, wie es heisst, „nach dem Bilde Gottes und nach seiner Ähnlichkeit" (1 Mos. 1,26). Sehr richtig; denn kein erdgeborenes Wesen ist Gott so ähnlich wie der Menschl. Diese Ähnlichkeit darf man aber nicht in der Eigentümlichkeit des Körpers vermuten; denn weder hat Gott menschliche Gestalt noch ist der menschliche Körper gottähnlichl. Jene Ebenbildlichkeit bezieht sich nur auf den Führer der Seele, den Geist; denn nach dem einzigen führenden Geist des Weltalls als Urbild wurde der Geist in jedem einzelnen Menschen gebildet, der also gewissermassen der Gott des Körpers ist, der ihn als göttliches Bild in sich trägt. Denn was der grosse Lenker im Weltall ist, das ist wohl der menschliche Geist im Menschen (Ganz ähnlich im Talmud Berachot f. 10a: „Wie Gott die ganze Welt erfüllt, so erfüllt auch die Seele den ganzen Körper; wie Gott sieht und nicht gesehen wird, so sieht auch die Seele und wird nicht gesehen". Vgl. Midr, Tehill. 103, 4.); er ist selbst unsichtbar, sieht aber alles, er ist seinem Wesen nach unkenntlich, erkennt aber das Wesen der anderen Dinge; durch Künste und Wissenschaften bahnt er sich weitverzweigte Heerstrassen und durchwandert die ganze Erde und das Meer und erforscht alles, was in beiden ist. Und dann (Die Schilderung des im Verlangen nach Erkenntnis emporstrebenden menschlichen Geistes lehnt sich an die Schilderung des philosophischen Triebes der Seele (des platonischen Eros) in Platos Phaedrus an.) erhebt er sich im Fluge und betrachtet die Luft und ihre Veränderungen und schwingt sich immer höher hinauf zum Äther und in die Himmelskreise und dreht sich mit den Reigentänzen der Planeten und Fixsterne nach den Gesetzen der vollkommenen Musik; indem er der Liebe zur Weisheit als Führerin folgt, schreitet er über die ganze sinnlich wahrnehmbare Welt hinaus und strebt nach der rein geistigen; und wenn er hier die Urbilder und die Ideen der sinnlich wahrnehmbaren Dinge, die er dort gesehen, in ihrer ausserordentlichen Schönheit betrachtet, ist er von einer nüchternen Trunkenheit („Nüchterne Trunkenheit" ein Lieblingsausdruck Philos zur Bezeichnung des Rausches der Begeisterung.) eingenommen und gerät in Verzückung wie die korybantisch Begeisterten (Die Korybanten waren nach der Vorstellung der Griechen die mythischen Vorbilder der Priester der phrygischen Göttin Kybele, die in ekstatischer Verzückung unter Lärm und Geschrei mit wilder Musik und Waffentänzen ihren Dienst verrichteten.); und erfüllt von anderer Sehnsucht und besserem Verlangen, wird er durch dieses zum höchsten Gipfel des rein Geistigen emporgetragen und glaubt bis zum „Grosskönige" selbst vorzudringen. Wenn er nun begierig ist zu schauen, ergiessen sich über ihn stromweise reine und ungetrübte Strahlen vollen Lichtes, so dass durch ihren Glanz das geistige Auge geblendet wird. — Da aber nicht jedes Bild dem ursprünglichen Musterbilde ähnlich ist, da im Gegenteil viele unähnlich sind, so fügte er zu den Worten „nach dem Bilde" noch hinzu „nach seiner Ähnlichkeit", um anzudeuten, dass das Abbild genau und von klarstem Ausdruck war.
