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Und welche Schmach hat er abgelegt? Von der Isaia gesagt hat: „Wir haben ihn gesehen, und es war an ihm keine Gestalt und Schönheit, sondern seine Gestalt war unansehnlich, verschwindend vor den Menschenkindern.“1 Wann war er unansehnlich? Als er mit den verruchten Juden umging und ihm vorgeworfen wurde, er sei ein Samaritan und habe den Teufel; als Judas Iskariot und die Kinder der Finsterniß Den zum Morde in ihre Gewalt bekamen, den kein Raum umfaßt. Nicht unpassend sagte Johannes zu ihnen: „Schlangengezücht, wer hat euch gezeigt, dem bevorstehenden Zorne zu entgehen?“2 Denn in Wahrheit wird der Zorn Gottes auf ihnen lasten. Wann war er unansehnlich? Damals, als der Sprößling der S. 376 Sanftmuth Faustschläge empfing, und als sie unter einem Schwure Den fragten, der Richter über die Eidschwüre ist. Wann war er unansehnlich? Als der Richter gerichtet und der über die Welt den Urtheilsspruch zu fällen hatte, verurtheilt wurde, als der Diener fragte, der Herr schwieg, das Licht sich ruhig hielt, die Finsterniß jubelte, das Geschöpf übermüthig war, der Schöpfer duldete. Wann war er unansehnlich? Als die Stiere mit den Hörnern stießen, das Kalb sich fügte, als der Löwe brüllte und die Stiere übermüthig waren, wie geschrieben steht: „Es umringten mich viele Kälber, fette Stiere umringten mich. Sie öffneten gegen mich ihren Mund, wie ein raubender und brüllender Löwe.3 Wann war er unansehnlich? Als die Hunde bellten und der Herr es ertrug, als die Wölfe raubten und das Schaf stehen blieb, als der Räuber ins Leben gerufen, das Leben der Welt aber in den Tod geschleppt wurde, als sie jene mißtönenden und Verderben bringenden Worte riefen: „Nimm ihn hin, nimm ihn hin, kreuzige ihn;4 sein Blut über uns und unsere Kinder,“5 sie, die Mörder des Herrn, die Prophetenmörder, die Widersacher Gottes, die Gotteshasser, die Verächter des Gesetzes, die Feinde der Gnade, die Gegner des Glaubens ihrer Väter, die Verbündeten des Teufels, die Nachkommen der Schlange, die Ohrenbläser, die Verleumder, deren Geist umnachtet ist, der Sauerteig der Pharisäer, die Versammlung der Dämonen, die Bösewichter, die Verkommenen, die Steiniger, die Feinde des Guten. Es ist ja sehr natürlich, daß sie schrieen: „Nimm ihn, nimm ihn, kreuzige ihn!“
Denn es belästigte sie die Gegenwart der Gottheit im Fleische, und es kränkte sie die Gewohnheit der Zurechtweisung; denn die Sünder pflegen den Umgang mit den Gerechten zu hassen. Wann war er unansehnlich? Als sie S. 377 ihn geißelten und seinen heiligen Leib peinigten, und er dieß freiwillig ertrug, um die alten Wunden unserer Sünden zu heilen, als er das Kreuzesholz auf seinen Schultern trug, das Siegeszeichen gegen den Teufel, als sie Dem eine Dornenkrone aufsetzten, welcher Die krönt, so auf ihn vertrauen; als sie Dem einen Purpurmantel anlegten, welcher den im Wasser und heiligen Geiste Wiedergebornen Unvergänglichkeit gewährt; als sie Den an das Holz nagelten, welcher der Herr des Lebens und Todes war. Wann war er unansehnlich? Als die Soldaten im Spotte über den Herrn des himmlischen Heeres triumphirten. Wann war er unansehnlich? Als sie einen Schwamm an ein Rohr steckten, den sie mit Essig gefüllt hatten, und ihm zu trinken gaben, und Galle Dem darboten, der ihnen Manna vom Himmel geregnet; als die Felsen barsten und die Vorhänge des Tempels zerrissen, entsetzt über die Vermessenheit der Frevler; als die Sonne trauerte und Finsterniß wie ein Trauerkleid anzog, trauernd über den Untergang der Juden. Denn der Tag beweinte das Unglück der Juden, als mitten unter Räubern das Leben hing, indem der Eine ihn schmähte und verleumdete, der Andere aber durch seine Reue das Paradies raubte. Wann war er unansehnlich? Als sein Leichnam dem Grabe übergeben wurde. Wann war er unansehnlich? Als die Soldaten ihn bewachten und die Erde Den barg, welcher aus den Gewässern die Erde aufgerichtet, als die Apostel sich verbargen, weil sie der Schwere der Versuchungen nicht gewachsen waren.
Aber sieh, mein Lieber, die Wunder Gottes und die freudigen Ereignisse nach dem Leiden! Der Unansehnliche wandelte sich in Herrlichkeit, und die unvergängliche Freude der Welt ist mit dem Leibe auferweckt worden. Damals hatte die Erde Geburtsschmerzen und empfing der Tag, und der Tod gab das Leben Aller von sich. Denn es war nicht möglich, daß Der vom Tode beherrscht wurde, welcher Alles durch das Wort bewältigt. Wollen wir also die S. 378 am dritten Tage erfolgte Auferstehung feiern, die uns ewiges Leben bereitet. Denn wie die Gottesgebärerin in Maria, ohne die Jungfräulichkeit und Ehelosigkeit in ihren Geburtswehen zu verlieren, durch den Willen Gottes und die Gnade des Geistes den Schöpfer der Zeiten gebar, Gott das Wort, der von Gott kommt, so stieß auch die Erde, indem sie aus ihren Eingeweiden die Frucht des Todes losließ, wie ihr befohlen war, den Herrn der Juden hervor. Denn sie konnte einen Leib nicht zurückbehalten, welcher der Träger der Unsterblichkeit gewesen war. Indem also der Prophet David auf die Wahrung der Würde, auf die Vernichtung des Todes, auf die Befreiung der ehemaligen Sklaven schaut, ruft er aus und sagt: „Der Herr hat die Königswürde angenommen und sich in Schmuck gehüllt.“6 In welchen Schmuck hat er sich gehüllt? In Unvergänglichkeit, Unsterblichkeit, in die Rathsversammlung der Apostel, in den Kranz der Kirche. Nicht mehr verräth ihn Judas, nicht mehr droht Kaiphas, nicht mehr richtet Pilatus, nicht mehr haben die Israeliten über ihn Gewalt. Denn das Vergängliche ist unvergänglich geworden, und der von ihnen für einen bloßen Menschen gehalten wurde, hat sich als wahrhafter Gott bewährt. Deßhalb rufen auch wir: „Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo dein Sieg?“7 „Der Herr hat die Königswürde angenommen, hat sich in Schmuck gehüllt, Macht hat der Herr angelegt und sich umgürtet.“ Macht nennt er die Heilsordnung im Fleische. Denn da Nichts mächtiger ist als diese, so hat der Körperlose durch den Körper die Dämonen gestürzt. Durch das Kreuz hat er die feindlichen Mächte erobert.
Denn da zuerst die Erde von der Sünde erschüttert worden war, erhob sich unser Herr Jesus Christus und befestigte sie, wie er vorhergesagt hat, durch das Holz des Kreuzes, damit sie nicht mehr in das Verderben stürzte S. 379 oder von den Stürmen des Irrthums herumgetrieben würde. Als Zeugen für das Gesagte wollen wir den heiligen Paulus anführen, der einfach sagt: „Denn es muß das Vergängliche die Unvergänglichkeit anziehen.“8 Deßhalb sagt auch der Psalmist: „Bereit ist dein Thron seitdem; von Ewigkeit bist du.“9 Und: „Deine Herrschaft ist eine ewige Herrschaft, die nicht vergehen wird.“ Ferner: „Deine Herrschaft ist eine Herrschaft aller Zeiten.“10 Und wiederum: „Der Herr hat geherrscht, es frohlocke die Erde, es mögen sich freuen die vielen Inseln.“11 Denn ihm gebührt der Ruhm und die Kraft. Amen.VIII. Rede auf den Tag der Himmelfahrt Christi.
