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Werke Tertullian (160-220) Adversus Marcionem Die fünf Bücher gegen Marcion. (BKV)
Zweites Buch

13. Cap. Die Furcht vor Gottes Gerechtigkeit fördert das Gute in der Menschenwelt.

Aber freilich, als nachher das Böse hervorbrach und die Güte Gottes von diesem Augenblicke an mit einem Gegengewicht zu thun bekam, da erhielt auch die Gerechtigkeit Gottes eine andere Aufgabe, nämlich die, seine Güte nunmehr nach der ihr geschenkten Aufmerksamkeit einzurichten, in der Weise, dass sie mit Beiseitesetzung der Freiheit, wonach Gott auch über das Mass hinaus gütig ist, nach den Verdiensten eines jeden abgewogen, den Würdigen dargeboten, den Unwürdigen vorenthalten, den Undankbaren entzogen, ebenso auch gegen alle Gegner aufrecht erhalten wird. So ist es ganz die Aufgabe der Gerechtigkeit, der Güte den Weg zu bereiten, indem sie urteilt und verdammt, verdammt und straft; und dass Gott, wie Ihr es ausdrückt, wütet, das kommt sicher nur dem Guten, nicht dem Bösen zunutz. So trägt denn auch die Furcht vor dem Gericht zum Guten bei, nicht zum Bösen. Denn da das Gute nun unter dem Druck eines Gegengewichtes zu leiden hatte, reichte es nicht mehr hin, sich durch sich selbst zu empfehlen. Wenn es auch aus sich empfehlenswert ist, so kann es doch nicht durch sich allein geschützt werden; denn der Gegner würde es zu überwältigen imstande sein, wenn es nicht Schutz im Einfluss der Furcht fände, welche auch die Widerwilligen das Gute zu begehren und zu bewahren antreibt.

Im übrigen, da es so viele Verlockungen gibt, wodurch das Böse das Gute zu überwältigen vermag, wer würde da noch nach dem verlangen, was er ungestraft verachten darf? Wer wollte noch hüten, was er ohne Schaden verlieren kann? Es steht geschrieben, der Weg des Bösen sei breit und viel mehr betreten. Würden nicht alle auf ihn geraten, wenn auf ihm nichts zu fürchten wäre? Wir schaudern vor den furchtbaren Drohungen des Schöpfers und doch können wir uns kaum vom Bösen losreissen! Wie wäre es erst, wenn er gar nicht drohte?! Diese Gerechtigkeit nun wolltest Du böse nennen, obwohl sie dem Bösen so viel Abbruch S. 190 thut? Du sprichst ihr die Güte ab, während sie doch dem Guten vorarbeitet? Welchen Gott müsstest Du alsdann Dir wünschen? Welchem soll man den Vorzug geben? Etwa einem, unter dem das Böse triumphieren, einem, mit dem der Teufel seinen Spott treiben würde? Willst Du etwa einen Gott für gut halten, der imstande wäre, den Menschen noch schlechter zu machen, indem er der Sünde Ruhe und Sicherheit gewährt? Wer ist sonst Ursache des Guten, wenn nicht der, der darnach verlangt? Wer steht dem Bösen so völlig fern, als wer ihm Feind ist? Wer ist ihm Feind, wenn nicht der, der es bekämpft? Wer bekämpft es, wenn nicht der, der es bestraft? Darum ist Gott durchaus gut, weil er alles für das Gute thut. Dadurch nur ist er allmächtig, weil er Macht hat, zu helfen und zu schaden.

Bloss nützen, wäre zu wenig, weil er dann sonst nichts vermöchte, als bloss zu nützen. Welches ist die Sicherheit, mit der ich von einem solchen das Gute hoffen soll, wenn er bloss dies zu leisten imstande ist? Wie soll ich dazu kommen, den Lohn für mein sittliches Verhalten zu begehren, wenn ich nicht auch die Vergeltung für das unsittliche im Auge haben muss? Ich muss daran zweifeln, dass er dem Gegenteil seinen gebührenden Lohn geben werde, wenn er ihn nicht beiden geben konnte.

Zur Fülle der Gottheit also gehört allzeit auch die Gerechtigkeit; denn sie macht Gott erst zum vollkommenen Vater und Herrn, zum Vater infolge seiner Milde, zum Herrn infolge seiner sittlichen Zucht, zum Vater durch seine gelinde Herrschaft, zum Herrn durch seine Strenge; als Vater ist er kindlich zu lieben, als Herr notwendig zu fürchten. Zu lieben ist er, weil er lieber Mitleid will als Opfer, zu fürchten, weil er die Sünde nicht will; zu lieben, weil er lieber die Busse des Sünders will als seinen Tod; zu fürchten, weil er unbussfertige Sünder verschmäht. Daher schreibt das Gesetz Moses beides vor: „Man soll Gott lieben“1 und: „Man soll Gott fürchten“.2 Das eine hält es dem Folgsamen vor, das andere dem Übertreter.


  1. V. Mos. 6, 5. ↩

  2. IV. Mos. 19, 14. ↩

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Die fünf Bücher gegen Marcion. (BKV)
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