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Werke Tertullian (160-220) Adversus Marcionem Die fünf Bücher gegen Marcion. (BKV)
Zweites Buch

16. Cap. Wenn im alten Testament Gott zuweilen Eigenschaften und Affekte zugeschrieben werden, die der Mensch auch hat, so muss man nicht glauben, dass die mit diesen Eigenschaften verbundenenen Unvollkommenheiten, die sich beim Menschen finden, auch auf Gott zu übertragen seien. Sie sind den betreffenden Eigenschaften keineswegs wesentlich.

Gut ist also auch die Strenge; denn sie ist gerecht, wenn der Richter gut d. h. gerecht ist. Ebenso sind auch die übrigen Akte gut, worin sich die gute Ausübung der guten Strenge vollzieht, der Zorn, die Abneigung und die Unerbittlichkeit. Denn alles das gehört zur Strenge, so gut wie die Strenge zur Gerechtigkeit. Zu ahnden war der Übermut einer Altersstufe, welche Ehrfurcht schuldete, und somit wird man die dem Richteramt zukommenden Eigenschaften nicht können dem Richter zum Vorwurf machen; denn sie sind von der Schuld frei, und ebenso auch der Richter selbst. Wie wäre es, wenn man behauptetete, es müsse Ärzte geben, ihre Instrumente aber anklagen wollte, weil sie schneiden, brennen, amputieren und zusammenpressen, während doch kein Arzt ohne die Instrumente seiner Kunst sein kann?! Wer ungeschickt schneidet, unzeitig amputiert und blind drauf los brennt, den magst Du dagegen immerhin anklagen, und auch seine Instrumente dadurch als schlechte Helfer tadeln. Ähnlich wäre es, wenn Du das Richteramt Gottes wohl zugeben, die Regungen und Gesinnungen aber, worin es sich ausspricht, aufheben wolltest.

S. 193 Belehrungen über Gott empfangen wir von den Propheten und von Christus, nicht aber von den Philosophen oder gar von Epikur. Wir, die wir glauben, dass Gott sogar auf Erden gewandelt sei und die Niedrigkeit des menschlichen Äussern angenommen habe, wir sind weit entfernt von der Ansicht derer, welche meinen, Gott kümmere sich um nichts. Aus solchen Quellen haben die Häretiker auch Sätze bekommen wie der: Wenn Gott zürnt, eifert, sich erhebt und aufgebracht wird, so erfährt er eine Verschlechterung, also wird er auch sterben. Es ist nur gut, dass die Christen an einen gestorbenen Gott glauben, der freilich noch lebt in die Ewigkeiten der Ewigkeiten. Höchst thöricht sind die, welche sich auf Grund menschlicher Verhältnisse eine Meinung über Gott bilden und glauben, weil dergleichen Leidenschaften beim Menschen mit seiner Vergänglichkeit und Verderbtheit zusammenhängen, so müssten sie es in Gott auch. Man halte die Substanzen auseinander und teile ihnen ihre verschiedenen geistigen Anlagen zu, wie es die ersteren verlangen, mögen die Namen der Anlagen auch dieselben zu sein scheinen. Wir lesen ja auch von der rechten Hand, den Augen und Füssen Gottes, und werden sie darum doch nicht mit den menschlichen Gliedern vergleichen, wenn sie auch die Namen gemein haben. So gross die Verschiedenheit des göttlichen vom menschlichen Leibe ist bei gleicher Benennung der Gliedmassen, so gross wird auch die geistige Verschiedenheit Gottes vom Menschen sein, bei gleicher Benennung der Empfindungen. Sie werden beim Menschen infolge der Verdorbenheit seiner Substanz so sicher vom Verderben berührt, als sie bei Gott vom Verderben frei bleiben durch die Unverdorbenheit des göttlichen Wesens.

Gibst Du bestimmt zu, dass der Weltschöpfer Gott sei? Ganz bestimmt, lautet die Antwort. Wie kannst Du dann also glauben, in Gott sei irgend etwas menschlich und nicht alles göttlich? Wenn Du zugestehst, dass ein Wesen Gott sei, so gestehst Du damit auch, es sei nicht menschlich; denn indem Du zugestehst, es sei Gott, hast Du zum voraus eingeräumt, es sei von jeder Qualität menschlicher Eigenschaften verschieden. Wenn Du nun weiter anerkennst, der Mensch sei, von Gott angehaucht, zum lebenden Wesen geworden, nicht umgekehrt, Gott vom Menschen, so ist es verkehrt genug, lieber in Gott Menschliches zu statuieren als umgekehrt etwas Göttliches im Menschen, und Gott lieber mit dem menschlichen Ebenbilde auszustatten, als umgekehrt den Menschen mit dem göttlichen. So hat man sich denn das göttliche Ebenbild im Menschen auch vorzustellen, dass der menschliche Geist dieselben Bewegungen und Empfindungen hat wie der göttliche, wenn sie auch nicht ebenso so beschaffen sind, wie bei Gott; denn je nach der Substanz ist auch ihre Beschaffenheit und ihr Ausgang verschieden.

S. 194 Endlich, wie ist es mit den entgegengesetzten Stimmungen, ich meine der Milde, Geduld, Barmherzigkeit und ihrer Quelle, der Güte selbst? Warum hält man sie denn für göttlich? Vollkommen besitzen wir ja auch sie nicht, weil Gott allein vollkommen ist. Daher empfinden wir denn auch die erstere Art, ich meine den Zorn und den Unwillen, nicht in dieser glücklichen Weise, weil Gott allein infolge der ihm eigenen Unverderblichkeit glückselig ist. Er zürnt wohl, aber er wird nicht aufbrausen und nicht in Gefahr kommen; er wird sich bewegen, aber nicht umwerfen lassen. Bei ihm muss wegen der Allseitigkeit der Dinge alles zur Anwendung kommen, so viele Stimmungen, als es Ursachen gibt, der Zorn wegen der Ruchlosen, der Unwille wegen der Undankbaren, der Eifer wegen der Hoffärtigen und alle Affekte, die sonst den Bösen noch unliebsam sind. In gleicher Weise wird er aber auch die Barmherzigkeit üben wegen der Verirrten, die Geduld wegen der Unbedachtsamen, Vergeltung um derentwegen, die es verdienen, und was die Guten sonst noch nötig haben. Das alles empfindet er in einer Weise, wie es ihm geziemt; der Mensch hat Gottes wegen dieselben Affekte ebenso, aber in seiner Weise.

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Übersetzungen dieses Werks
Die fünf Bücher gegen Marcion. (BKV)
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