6. Cap. Die Juden verwarfen Christum nicht deshalb, weil sie ihn als den Christus eines andern Gottes ansahen, wie Marcion die Sache drehen möchte, sondern weil sie ihn gar nicht für den von den Propheten angekündigten Christus hielten. Sie verurteilten ihn wegen Verletzung des mosaischen Gesetzes.
Wenn diese beiden Eigentümlichkeiten der jüdischen Litteratur nunmehr zur Genüge sichergestellt sind, so vergiss nicht, o Leser, dass dieser Punkt bereits ausgemacht ist und dass es sich, wo wir dergleichen anwenden, nicht um die Methode der hl. Schrift, sondern um den Sachverhalt handele. Wenn der häretische Wahnsinn also annimmt, es sei ein Christus erschienen, der niemals verheissen worden, so würde daraus folgen, derjenige Christus, der wirklich stets verheissen wurde, sei niemals S. 220 erschienen. Er ist sonach gezwungen, sich dem Irrtum der Juden anzuschliessen und sich der Beweisführung derselben zu bedienen in dem Sinne, als wären die Juden ihrerseits auch vollständig überzeugt gewesen, der erschienene sei ein anderer1 und als hätten sie ihn nicht bloss als ihnen fremdartig verworfen, sondern auch als Feind getötet. Denn sie würden ihn ohne Zweifel anerkannt und mit ehrfurchtsvollen Diensten jeder Art beehrt haben, wenn er der ihrige gewesen wäre.
Da hat nun freilich wohl, wenn nicht das Rhodische,2 so doch das Pontische Gesetz dem Schiffsreeder die Versicherung gegeben, dass sich die Juden in betreff ihres Christus nicht irren durften?! Wenn auch keine derartige Weissagung über sie vorhanden wäre, so hätte schon die der Täuschung ausgesetzte menschliche Natur die Überzeugung begründen müssen, dass die Juden als blosse Menschen sich irren konnten, und man durfte nicht aus ihrer Ansicht sofort ein Präjudiz entnehmen, da es sehr glaublich war, sie könnten einen Irrtum begangen haben. Da es aber vorhergesagt war, dass sie Christus nicht anerkennen und ihn sogar deshalb töten würden, so wird der von ihnen verkannte und getötete Christus wohl also auch der gewesen sein, gegen welchen sie laut der Vorhersagung dergleichen Handlungen begehen sollten.
Verlangt man den Beweis dafür, so werde ich nicht diejenigen Bücher aufschlagen, welche bloss aussagen, dass Christus einem gewaltsamen Tode ausgesetzt sei, und darum natürlich auch besagen, dass der Verkannte unterliege — denn wurde er nicht verkannt, so hätte ihn natürlich das Leiden nicht treffen können. Ich will mir diese lieber aufsparen für die Verteidigung seines Leidens und mich gegenwärtig mit Anführung derjenigen Prophezien begnügen, welche beweisen, dass eine Verkennung Christi möglich war, und auch das nur in Kürze, indem sie zeigen, dass das Volk durch den Schöpfergott aller Erkenntniskraft beraubt worden war.
„Ich will die Weisheit ihrer Weisen“, sagt er, „ihnen entziehen und ihre Klugheit verdecken.3 Mit den Ohren werdet Ihr hören und doch nicht hören, mit den Augen sehen und doch nicht sehen. Denn das Herz dieses Volkes ist verhärtet. Ihre Ohren sind schwerhörig und ihre Augen verschlossen, dass sie mit ihren Augen nicht sehen und mit ihren Ohren nicht hören, dass sie es beherzigen und sich bekehren und ich sie heile.“4 Eine solche Abstumpfung der Sinne für das Heil hatten sie verdient, sie, die ihn nur mit den Lippen liebten, mit ihren Herzen aber S. 221 fern von ihm blieben. Wenn also der Schöpfergott, der den Donner dröhnen lässt und den Wind beherrschet und der nach dem Propheten Joel den Menschen auch seinen Christus kundmacht,5 Christum wirklich vorher ankündigte, wenn zugleich jegliche Hoffnung der Juden, um von den Heiden nicht zu reden, auf die Offenbarung Christi gerichtet war, so wurden die Juden ohne Zweifel damit als solche hingestellt, die es nicht anerkennen und den Gegenstand der Vorhersagung, d. i. Christus, nicht verstehen würden, indem sie die Fähigkeit zur Erkenntnis und zum Verstehen, die Weisheit und Klugheit verloren hätten. Es sollten sich in betreff seiner irren ihre vorzüglichsten Weisen, nämlich ihre Schriftgelehrten, und ihre Klugen, d. i. die Pharisäer, ebenso auch das Volk mit seinen Ohren hören, nämlich wie Christus lehrte, und ihn doch nicht hören, ihn mit seinen Augen sehen und doch nicht sehen, nämlich wie Christus Wunder that. In diesem Sinne heisst es anderwärts auch: „Wer ist sonst blind, wenn nicht meine Söhne; und wer ist sonst noch taub, wenn nicht ihre Herrscher.“6 Und durch denselben Isaias lässt er auch noch den Vorwurf laut werden: „Ich habe Söhne erzeugt und hoch erhoben, aber sie haben mich verschmäht; es kennt der Ochs seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn, Israel aber hat mich nicht erkannt und mein Volk mich nicht verstanden.“7 Wir unsererseits, die wir überzeugt sind, dass in den Propheten allezeit Christus gesprochen habe, versteht sich der Geist des Schöpfergottes, wie der Prophet bezeugt, das Organ8 unseres Geistes, Christus der Herr, der von Anfang an als Stellvertreter des Vaters unter dem Namen Gottes sich hören und sehen liess, wir wissen darum auch recht gut, dass dergleichen Aussprüche von ihm herrühren und dass er schon damals Israel die Thaten zum Vorwurf machte, welche es der Prophezeiung gemäss erst später gegen ihn verüben würde: „Ihr habt den Herrn verlassen und zum Zorn herausgefordert den Heiligen Israels.“9
Wollte man aber sämtliche Vorhaltungen in betreff der frühern Unwissenheit der Juden nicht auf Christus, sondern vielmehr auf Gott selbst beziehen und nicht zugeben, dass das Wort und der Geist Gottes, d. i. Christus, damals schon von ihnen verachtet und verkannt worden sei, so wird dem ebenfalls seine Widerlegung zuteil werden. Denn wenn man zugibt, Christus sei der Sohn, der Geist und die Substanz des Schöpfergottes, so muss man auch zugeben, dass die, welche den Vater nicht erkannten, auch nicht imstande waren, den Sohn zu erkennen, infolge S. 222 der Annahme der Identität der Substanz. Wenn deren Fülle nicht erkannt wurde, dann noch viel weniger der Teil davon, wenigstens insofern er an der Fülle Anteil hat.
Wenn man die Sache so geprüft hat, so wird es schon klar, wie die Juden Christum verwerfen und töten konnten, nicht, weil sie ihn als einen fremden Christus ansahen, sondern weil sie ihn, obwohl der ihrige, nicht anerkannten. Wie hätten sie ihn überhaupt für einen fremden Christus ansehen können, da ihnen niemals über einen solchen etwas mitgeteilt worden war? Sie waren ja nicht einmal imstande, den zu erkennen, der ihnen beständig angekündigt worden war! Denn ein Verstehen oder nicht Verstehen kann nur da statthaben, wo für die Verkündigung ein wirkliches Objekt vorhanden ist und den Stoff zum Erkennen oder zum Irrtum darbietet. Wo das Objekt fehlt, da hat schliesslich auch die Weisheit keine Gelegenheit, Erfolge zu erzielen. Mithin haben die Juden ihn nicht etwa als den Christus eines andern Gottes verschmäht und verfolgt, sondern bloss insofern er ein Mensch war, den sie, was seine Wunder anlangt, für einen Betrüger und Gegner ihrer Lehren ansahen. Eben diesen Menschen, gerade insofern er als einer der ihrigen galt, nämlich als Jude, aber als ein Übertreter und Zerstörer des Judaismus, haben sie vor Gericht gestellt und ihrem Rechte entsprechend bestraft; einen Fremden würden sie wohl nicht gerichtet haben. So viel fehlt also daran, dass sie ihn für einen fremden Christus ansahen, da sie ihn nicht einmal hinsichtlich seiner Menschheit als Fremdling verurteilten.
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Verstehe: als der von den Propheten angekündigte Messias. ↩
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Die Bewohner von Rhodus standen im Rufe der Gesetzeskunde und hatten ein See- und Schiffahrtsrecht ausgebildet, welches für das Römische Recht massgebend wurde. Pontus dagegen, die Heimat Marcions, war ein unzivilisiertes Land ohne Gesetzgebung. ↩
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Ps. 29, 14.[?]. ↩
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Ps. 6, 9 ff.[?]. ↩
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Joel 3, 1 (Vulg. 2, 28), vgl. Amos 4, 13. ↩
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Is. 42, 19. ↩
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Is. 1, 3; 42, 19. ↩
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Persona, eigentlich die Maske, das Sprachorgan, wodurch der Geist dem Menschen erscheint. An ein Bibelcitat, wie die Ausgaben nahelegen, (Öhler citiert Thren. 4, 3,) ist an dieser Stelle schwerlich zu denken. ↩
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Is. 1, 4. ↩