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Werke Tertullian (160-220) Adversus Marcionem Die fünf Bücher gegen Marcion. (BKV)
Drittes Buch

9. Cap. Ob die Leiber, womit die Engel erschienen, solche Scheinleiber waren und Marcion sich auf sie berufen könne?

Wenn man glaubt, uns bei dieser Frage die Engel des Schöpfergottes entgegenhalten zu müssen, da sie bei Abraham und Loth auch als Phantasmen mit einem Scheinleibe gehandelt hätten und doch wirklich gekommen seien, gegessen und gethan hätten, was ihnen befohlen war, so sage ich: Erstens geht es nicht, dass man seine Beispiele von dem Gott entnimmt, den man verwirft. Je besser und vollkommner der Gott ist, den man neu einführt, um so weniger passen jene Beispiele auf ihn; denn ist er von dem andern nicht gänzlich verschieden, so ist er auch durchaus nicht besser und vollkommner als jener. Zweitens merke Dir, das Zugeständnis, der Leib der Engel sei ein Scheinleib gewesen, wird Dir gar nicht gemacht, sondern derselbe war von wirklicher, materieller, menschlicher Substanz. Denn wenn es Gott nicht schwer war, seinem Scheinleibe wirkliche Wahrnehmungen und Akte beizulegen,1 so hatte Gott es noch viel leichter, wirklichen Sinneswahrnehmungen und Handlungen auch eine wirkliche Leibessubstanz zu geben, schon deshalb, weil er deren eigentlicher Urheber und Bildner ist.

Dein Gott, o Marcion, hat überhaupt keine Leiblichkeit hervorgebracht, darum that er vielleicht ganz recht daran, ein Phantasma von dem vorzuführen, wovon er die Realität nicht zustande bringen konnte. Mein Gott dagegen, der sie aus dem Lehm entnommen und in dieser Weise gestaltet hat, dass er zwar noch nicht von ehelichem Samen, doch schon ein Leib war, der konnte auch für Engel Leiber aus was immer für einer Materie herstellen, da er ja die ganze Welt, eine solche Fülle auch S. 227 grosser Körper und zwar durch sein blosses Wort aus nichts hervorgebracht hat. Und in der That, wenn Dein Gott den Menschen dereinst die wirkliche Wesenheit der Engel verheisst: „Sie werden sein,“ sagt er,2 „wie die Engel im Himmel“, warum sollte nicht auch mein Gott eine wirkliche Menschensubstanz irgendwoher entlehnen und sie den Engeln anpassen können? Da Du mir wohl die Antwort darauf, woher jene Deine Engelsubstanz genommen werden soll, schuldig bleiben wirst, so ist es mir auch genug, festzustellen, dass das Gesagte Gottes würdig sei, nämlich die Realität dessen, was er drei Sinnen als ebensoviel Zeugen darstellte, dem Sehvermögen, Tastsinn und Gehör.

Einen Betrug zu üben würde Gott schwerer fallen, als einen Leib irgendwoher zu entnehmen, selbst einen ungeborenen.

Aber auch den andern Häretikern, welche behaupten, jene Leiber der Engel hätten müssen aus andern Leibern geboren werden, um wirklich menschliche zu sein, wollen wir in bestimmter Weise Antwort geben, warum sie wirklich menschlich und trotzdem ungeboren sind. Wirklich menschlich sind sie wegen der Wahrhaftigkeit Gottes, dem Lüge und Täuschung durchaus fremd sind, und deshalb, weil sie von den Menschen nicht hätten wie menschliche behandelt werden können, wenn sie nicht menschlicher Substanz wären. Ungeboren aber sind sie, weil einzig Christus aus dem Fleische als Fleisch sollte geboren werden, um durch seine Geburt die unsrige zu reformieren. Ebenso sollte er auch durch seinen Tod unser Sterben lösen, dadurch, dass er im Fleische auferstand, in welchem er geboren ist, um sterben zu können. Daher erschien er bei Abraham damals mit den Engeln, zwar in einem wirklichen Leibe, aber nicht in einem, der einer Geburt sein Dasein verdankte; denn derselbe sollte ja auch noch nicht sterben, sondern erst lernen, mit den Menschen verkehren. Um so weniger brauchten die Engel, die ja auch nicht für uns sterben sollten, ihren kurzen Aufenthalt in einem Leibe mit dem Akte des Geborenwerdens zu beginnen; denn sie sollten ihn auch nicht mit dem Sterben endigen. Sie entnahmen ihren Leib irgendwoher und legten ihn auf irgend eine Weise ab, ohne einen solchen zu erheucheln. Wenn der Schöpfer die Winde zu seinen Boten macht und Feuerflammen zu seinen Dienern, die dann ebenso wahrhafte Winde als Flammen sind, dann hat er auch jenen Engeln eine wahrhaftige Leiblichkeit verliehen, damit wir uns jetzt daran erinnern und den Häretikern kund thun sollten, es sei ebenso von ihm verheissen, die Menschen zu Engeln umzugestalten, wie er einstmals Engeln die Gestalt von Menschen gab.


  1. Illi putativae carnis veros sensus. Glatter würde der Text lauten: Illi putativae carni. ↩

  2. Im Lukas-Evangelium 20, 36, welche Stelle Marcion auch in sein sogenanntes Evangelium hinübergenommen hatte. ↩

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Die fünf Bücher gegen Marcion. (BKV)
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