22.
S. 74 Du weißt, mein Lieber, von der Seele so viel, daß es für jetzt genügt. Lasse dich, so gut es geht, auch über deinen Körper belehren! Dulde keinen, der sagt, unser Körper habe mit Gott nichts zu tun! Wer glaubt, der Körper habe mit Gott nichts zu schaffen und die Seele wohne in einem Gefäße, das nicht zu ihr passe, der bedient sich gern des Körpers zur Unzucht. Doch was haben sie an diesem bewundernswerten Körper auszusetzen? Was mangelt ihm denn an Schönheit? Was ist nicht kunstvoll an seinem Bau? Hätten sie nicht auf die Augen und ihre glanzvolle Einrichtung achten sollen? Auf die Ohren, welche, schräg vorstehend, den Schall ungehindert aufnehmen? Auf die Nase und ihr Aus- und Einatmen? Auf die zweifache Funktion der Zunge, welche dem Geschmacke und der Rede dient? Auf die im Verborgenen ruhende Lunge, die ständig tätige Luftpumpe? Wer hat dem Herz den ständigen Pulsschlag gegeben? Wer hat so viele Venen und Arterien zugeteilt? Wessen Weisheit hat die Knochen und Sehnen verbunden? Wer vereinigt den einen Teil der Nahrungsmittel mit dem Körper und scheidet den andern Teil schamhaft aus? Wer hat die Glieder der Scham an schamhafteren Stellen verborgen? Wer hat die (an sich) vergängliche menschliche Natur durch einfache Vereinigung unvergänglich gemacht?