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Works Tertullian (160-220) Adversus Marcionem Die fünf Bücher gegen Marcion. (BKV)
Zweites Buch

2. Cap. Gott vollkommen zu erkennen, übersteigt allerdings die Fähigkeiten des Menschen, und daraus sind die Schwierigkeiten und Unvollkommenheiten solcher Erörterungen wie die gegenwärtige zu erklären.

Aber nun muss sich der allmächtige Gott, der Herr und Schöpfer des Weltall, gefallen lassen, dass man über ihn verhandelt. Ich halte ihn deshalb für so gross, weil er von Anbeginn an bekannt ist, weil er niemals verborgen war, sondern stets in die Erscheinung trat, nicht erst von Tiberius', sondern sogar von Romulus' Zeiten an. Nur den Häretikern war er nicht bekannt, diese machen sich jetzt mit ihm zu schaffen und glauben deshalb einen andern Gott annehmen zu müssen, weil sie den, dessen Existenz feststeht, mehr im stande sind zu schmähen als zu leugnen. Dabei stellen sich einige nach ihrem Gutdünken Gott so vor, wie ein Blinder oder Triefäugiger geneigt ist, das Dasein einer anderen, milderen und ihm zuträglicheren Sonne deshalb vorauszusetzen, weil er die, welche er sehen könnte, nicht sieht. Es gibt nur eine Sonne, o Mensch, diejenige, wodurch diese Welt nach bestimmten Gesetzen erleuchtet wird; auch wenn du es nicht glaubst, ist sie doch höchst S. 173 trefflich und nützlich; auch wenn sie dir zu grell und nachteilig, ja sogar wenn sie dir unrein und schädlich wäre, ist sie doch ihrer Bestimmung entsprechend. Wenn du sie nicht anzublicken vermagst, so würdest du auch die Strahlen einer andern Sonne, wenn es eine solche gäbe, nicht zu ertragen im stande sein, da sie jedenfalls dann noch grösser wäre. Denn wenn du dem niedern Gott gegenüber schon blind bist, wie wird es erst dem höhern gegenüber mit dir stehen? Ja noch mehr, es ist sogar eine Schonung für dich bei deiner Schwäche und du kommst nicht in Gefahr, wenn du eine ausgemachte, unbezweifelte und eben darum hinreichend erkannte Gottheit hast, indem du zuvörderst wenigstens ihr Dasein erkennst, da du ja doch nichts von ihr wissen kannst, als insoweit sie es selbst gewollt hat.

Allein du leugnest nicht, dass er Gott sei, weil du ihn kennst, sondern hast Bedenklichkeiten, wie einer, der ihn nicht kennt, ja du erhebst sogar Anschuldigungen gegen ihn, wie einer, der ihn kennt, während du doch, wenn du ihn wirklich kenntest, keine Anklagen, ja nicht einmal Bedenklichkeiten gegen ihn erheben würdest. Du lässest ihm seinen Namen, sprichst ihm aber, was das Wesen seines Namens ist, seine Grösse, infolge deren ihm der Name Gott zukommt, ab, und willst sie nicht in ihrer Grösse anerkennen. Wenn der Mensch sie nach allen Seiten zu erkennen imstande wäre, so würde sie eben keine rechte Grösse sein. Isaias, der, schon damals ein Apostel, die Gesinnung der Häretiker vorhersah, sagt: „Wer hat den Sinn des Herrn erforscht, oder wer war sein Ratgeber? Oder wen hat er um Rat gefragt, oder wer hat ihm den Weg der Einsicht und der Wissenschaft gezeigt?“1 Mit ihm stimmt recht gut der Apostel überein: „O Tiefe des Reichtums und der Weisheit Gottes, wie unerforschlich sind seine Gerichte“, natürlich denn doch die Gerichte Gottes als Richter „und wie unergründlich sind seine Wege“,2 nämlich die Wege seiner Einsicht und Wissenschaft. Diese hat ihm niemand gewiesen, ausser etwa unsere bekannten Censoren der Gottheit, welche sagen: So hätte es Gott nicht machen dürfen, er hätte es vielmehr so machen müssen. Als wenn irgend jemand ausser dem Geiste Gottes erkennen könnte, was in Gott ist? Dagegen dünken sich die vom Geiste der Welt erfüllten Menschen, welche nicht in der Unweisheit Gottes3 durch die Weisheit Gott erkennen wollen, erfahrener als Gott; denn wie die Weisheit dieser Welt Thorheit ist bei Gott, so erscheint auch die Weisheit Gottes als Thorheit vor der Welt. Wir aber wissen, was Thorheit ist an Gott, das ist weiser als die Menschen, und was schwach ist bei Gott, ist stärker als die Menschen. Darum ist Gott dann am meisten gross, wenn er dem Menschen als klein erscheint, dann am meisten gut, S. 174 wenn er vor den Menschen als nicht gut dasteht, und dann erst recht der Einzige, wenn ihn die Menschen für zwei oder mehrfach halten.

Wenn nun der bloss psychische Mensch, der nicht annimmt, was des Geistes ist, von Anbeginn an das Gesetz Gottes für Thorheit hielt, indem er es zu befolgen verschmähte, und wenn ihm wegen seines Unglaubens auch das, was er zu besitzen schien, genommen wurde, die Gnade des Paradieses und die Freundschaft Gottes, mittels deren er alles Göttliche, wenn er gehorsam geblieben wäre, hätte erkennen können, so ist es kein Wunder, wenn er, in seinen Stoff zurückgestossen, zur Zwangsarbeit des Landbaues angehalten wurde und infolge dieser der Erde zugewandten Arbeit aus der Erde den Geist der Welt einatmete und selbigen seiner ganzen Nachkommenschaft vererbte, die ganz psychisch und häretisch ist und was Gottes ist, von sich stösst. Oder hat man etwa Bedenken, die Sünde Adams eine Häresie zu nennen, da er sie doch beging, indem er seiner Willensmeinung vor der Gottes den Vorzug gab.4 Freilich hat Adam niemals seinem Bildner gesagt: „Du hast mich nicht mit Weisheit gebildet.“ Er gestand ein, verführt zu sein, und verschwieg seine Verführerin nicht. Er war als Häretiker noch nicht gerieben genug. Er war ungehorsam gegen den Schöpfer, lästerte ihn aber nicht und tadelte auch seinen Urheber nicht, den er von seinem Ursprung an gut und sehr gut gefunden und den er selber womöglich zum Richter gemacht hatte von Anbeginn an.


  1. Is. 40. 13, ff. ↩

  2. Röm. 11, 33 f. ↩

  3. D. i. durch die Offenbarungslehre. ↩

  4. Häresie stammt bekanntlich von αἱρεῖν [hairein] vorziehen, wählen. ↩

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Die fünf Bücher gegen Marcion. (BKV)
Commentaries for this Work
Appendix to the Five Books Against Marcion

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