• Home
  • Works
  • Introduction Guide Collaboration Sponsors / Collaborators Copyrights Contact Imprint
Bibliothek der Kirchenväter
Search
DE EN FR
Works Tertullian (160-220) Adversus Marcionem Die fünf Bücher gegen Marcion. (BKV)
Zweites Buch

9. Cap. Wie es zugeht, dass die Seele, obwohl ein Hauch und Ebenbild Gottes, doch sündigen konnte.

Aber wie kann denn, wendet man ein, eine Substanz, die ein Werk des Schöpfers ist, der Sünde fähig werden, indem der Anhauch Gottes, d. h. die Seele im Menschen es ist, der sündigt? Auch muss ja notwendig das Verderbnis des Teiles sich der Gesamtmasse, woraus er entsprungen ist, mitteilen. — Dieser Schwierigkeit gegenüber wird die Beschaffenheit der Seele zu erörtern sein.

Vorab ist festzuhalten, was der griechische Text der hl. Schrift anzeigt, der den Ausdruck Hauch gebraucht, nicht Odem. Einige Übersetzer aus dem Griechischen haben nämlich die Verschiedenheit nicht erwogen, sich um die Eigentümlichkeit der Worte nicht gekümmert und setzen Odem statt Anhauch. Damit geben sie den Häretikern Gelegenheit, den Odem Gottes, d. h. Gott selbst, der Sünde zu zeihen. Damit ist die Frage schon entschieden. Erkenne also, dass der Hauch etwas Geringeres ist als der Odem, wenn auch eine Folge des Odems; er ist gleichsam nur ein gelindes Wehen desselben, aber nicht der Odem selbst. Ein Luftzug ist gelinder als der Wind selbst und wenn er auch vom Winde herkommt, so ist er dennoch kein Wind. Man kann den Hauch auch ein Bild des Odems nennen. Denn auch aus diesem Grunde ist der Mensch ein Bild Gottes, d. h. des Geistesodems; Gott ist nämlich ein Geistesodem, der Hauch ist also ein Bild des Geistesodems. Nun wird das Bild aber der Wirklichkeit nicht völlig gleichkommen. Etwas anderes ist es, der Wirklichkeit gemäss sein, etwas anderes, selbst die Wirklichkeit sein.

So kann auch der Anhauch, da er ein Bild des Geistesodems ist, nicht in dem Grade die Ebenbildlichkeit Gottes erlangen, dass er, weil sein Original, d. h. der Geistesodem, d. h. Gott, ohne Sünde ist, er, der Anhauch, d. h. sein Ebenbild, auch keine Sünde begehen dürfte. Darin steht das Ebenbild hinter seinem Original und der Anhauch hinter dem Geistesodem zurück, obwohl auch er natürlich jene Umrisse des Bildes Gottes besitzt, wodurch die Seele unsterblich, frei und ihre eigene Herrin S. 184 wird, oft mit Voraussicht begabt, vernünftig, der Erkenntnis und Wissenschaft fähig ist. Dessenungeachtet bleibt sie auch darin nur Bild, und so wenig sie an Kraft der Gottheit gleich wird, so wenig in Bezug auf Freiheit von der Sünde, weil sie diesen Vorzug Gott allein, d. i. dem Originale, überlässt und solches allein dem Abbilde nicht zukommt. Denn wie ein Bild, wenn es auch in den Umrissen dem Original völlig entspricht, dennoch der Lebenskraft entbehrt und keine Bewegung besitzt, so war es auch einzig die Lebenskraft des Geistesodems, d. i. der selige Zustand der Sündenlosigkeit, welchen die Seele, sein Abbild, nicht darzustellen imstande war. Andernfalls würde sie nicht mehr eine Seele sein, sondern der Geistesodem, und es würde nicht mehr der Mensch sein, dem die Seele gegeben wurde, sondern ein Gott.

Andererseits wird auch nicht alles, was irgendwie von Gott kommt, für Gott gehalten werden dürfen, und man darf nicht fordern, der Anhauch müsse auch ein Gott, d. h. absolut ohne Sünde sein, deswegen, weil er Gottes Anhauch ist. Denn wenn Du in eine Flöte bläsest, so wirst Du nicht aus der Flöte einen Menschen machen, obwohl Du von Deinem Odem hineinblässest, ähnlich wie Gott von dem seinigen. Wenn so also die hl. Schrift ganz deutlich sagt, Gott habe dem Menschen in das Antlitz gehaucht und der Mensch sei damit zur lebendigen Seele geworden, nicht zum lebendigmachenden Geistesodem, so unterscheidet sie deutlich seinen Zustand von dem seines Schöpfers. Denn das Werk muss sich vom Künstler unterscheiden, d. h. geringer sein als er. Der Krug, der vom Töpfer gemacht ist, ist nicht der Töpfer, ebensowenig auch der Anhauch, der von dem Geistesodem ausging, der Geistesodem selbst. Genau das Wesen, welches die Seele ausmacht, empfing die Bezeichnung Anhauch.

Achte sodann aber auch darauf, dass sie nicht von ihrer Würde als Anhauch hinabgleite zu einer geringeren Stellung! Es wäre damit also, wendet man ein, die vorhin geleugnete Ohnmacht der Seele zugegeben. — Allerdings, wenn man verlangt, die Seele müsse Gott gleich, d. h. der Sünde unzugänglich sein, dann hebe ich ihre Schwäche hervor. Wenn man sich aber auf den bösen Engel beruft, so muss ich notwendig betonen, der Herr der Erde, dem die Engel dienen und der auch die Engel richten wird, ist ihm, wenn er im Gesetze Gottes standhaft bleibt, was er freilich das erste Mal nicht wollte, an Stärke überlegen. Das war es also, was bei dem, der ein Anhauch Gottes ist, noch Zugang finden konnte; es konnte, aber es musste nicht. Das Können konnte Platz greifen infolge der Schwäche seiner Substanz, weil sie nur Anhauch, nicht Geistesodem ist, genötigt war er aber nicht vermöge seiner Willensfreiheit, wodurch er ein Freier, nicht ein Sklave ist. Dazu trat dann noch die Warnung, nicht zu sündigen, unter Androhung des Todes, wodurch die Schwäche S. 185 der Substanz unterstützt und die Freiheit des Urteils ihre Leitung erhalten sollte.

Daraus ist nun bereits ersichtlich, dass die Seele nicht durch das sündigte, was an ihr mit Gott verwandt ist, d. i. durch den Anhauch, sondern durch das, was zu ihrer Wesenheit hinzukam, d. h. durch die Willensfreiheit, die ihr von Gott zwar aus guten Gründen verliehen worden war, der aber der Mensch nach seinem Gutdünken die Richtung gab. Wenn es sich nun so verhält, so ist damit die ganze Veranstaltung Gottes bereits von jedem Vorwurf des Bösen gereinigt. Die Freiheit des Willens nämlich wird ihre Verschuldungen nicht auf den zurückwerfen, von dem sie gegeben ist, sondern auf den, von welchem sie nicht in pflichtmässiger Weise angewendet wurde. Welches Böse willst Du denn nun schliesslich Gott zuschreiben? Etwa die Sünde des Menschen? Aber was des Menschen ist, kann nicht Gott zugehören, und der kann doch nicht für den Urheber des Bösen gelten, der es verbietet, ja sogar verurteilt. Wenn der Tod ein Übel ist, so wird das Gehässige desselben nicht auf den, der ihn angedroht, fallen, sondern auf den, der sich nichts daraus gemacht hat; dieser ist sein Urheber. Denn indem er sich nichts daraus machte, hat er ihn verschuldet, während doch der Tod nicht eingetreten wäre, wenn man sich etwas daraus gemacht hätte.

pattern
  Print   Report an error
  • Show the text
  • Bibliographic Reference
  • Scans for this version
Download
  • docxDOCX (164.63 kB)
  • epubEPUB (168.70 kB)
  • pdfPDF (551.88 kB)
  • rtfRTF (437.04 kB)
Translations of this Work
Die fünf Bücher gegen Marcion. (BKV)
Commentaries for this Work
Appendix to the Five Books Against Marcion

Contents

Faculty of Theology, Patristics and History of the Early Church
Miséricorde, Av. Europe 20, CH 1700 Fribourg

© 2026 Gregor Emmenegger
Imprint
Privacy policy