10. Cap. Die Einwirkung des Teufels beim Sündenfall des Menschen ändert an der Sache nichts, da dieser ebenfalls die Willensfreiheit besass, sondern sie gestattet Gott, seinen Erlösungsratschluss nur um so herrlicher zu entfalten.
Auch wenn Du den Vorwurf der Schlechtigkeit vom Menschen auf den Teufel abwälzest, als auf den Verführer zur Sünde, um die Schuld auch auf diesem Wege auf den Schöpfer zu schieben, als des Teufels Urheber, der die Geister zu seinen Boten gemacht hat — selbst dann also würde dasjenige an ihm, was von Gott gemacht ist, d. h. dass er Engel ist, noch Gott, der es gemacht hat, angehören, für die Seite seines Wesens aber, die nicht von Gott gemacht, d. h. dass er Teufel, d. h. Verleumder ist, bleibt nichts übrig, als dass er sich selbst dazu gemacht habe, indem er Gott verleumdete. Und zwar war es erstens eine Lüge, dass Gott ihnen von allen Bäumen zu essen verboten habe, zweitens, dass sie nicht sterben würden, wenn sie ässen, drittens, dass ihnen Gott die göttliche Würde nicht gegönnt habe. Woher entsprang also sein boshaftes Belügen und Betrügen der Menschen sowie seine Infamie gegen Gott? Von Gott jedenfalls nicht, da er den Engel, wie es die Regel bei seinen guten Werken wollte, auch gut erschaffen hatte. Er wird sogar als der weiseste von allen bezeichnet, bevor er Teufel wurde, und die Weisheit kann doch nichts Schlechtes sein.
Wenn Du den Propheten Ezechiel aufschlägst, so wirst Du mit Leichtigkeit erkennen, dass er seiner Erschaffung nach ein guter Engel gewesen, aber durch sein Zuthun ein gefallener geworden ist. In der Person des Fürsten von Sor wird nämlich zum Teufel gesprochen: Und es erging das S. 186 Wort des Herrn an mich und sprach: „Menschensohn! Stimme Klagen an über den Fürsten von Sor und sage: So spricht der Herr: Du bist die Besiegelung der Ebenbildlichkeit,“ — der Du nämlich das Siegel unversehrter Ebenbildlichkeit und Gleichartigkeit angelegt hast — „Du, die Krone der Schönheit“ — dies war er als der vollkommenste unter den Engeln, als Erzengel, als der weiseste von allen, — „in der Wonne des Paradieses Deines Gottes bist Du geboren“ — dort nämlich, wo Gott bei der zweiten Gestaltung der Tiergestalten die Engel bildete. „Mit den kostbarsten Steinen bist Du bedeckt, dem Sardius, Topas, Smaragd, Karfunkel, Saphir, Jaspis, Rubin, Achat, Amethyst, Chrysolith, Beryll und Onyx. Mit Gold hast Du gefüllt Deine Vorrats- und Schatzkammern. Vom Tage Deiner Geburt an setzte ich Dich mit den Cherubim auf den hl. Berg Gottes; Du warst inmitten der feurigen Steine, Du warst tadellos in Deinen Tagen, seitdem Du geschaffen bist, bis Deine Schäden entdeckt wurden. Durch den grossen Umfang Deines Handels fülltest Du Deine Vorratskammern und wurdest ein Sünder“1 u. s. w. Es ist klar, dass das alles im eigentlichen Sinne zur Beschämung des Engels, nicht des genannten Fürsten dient; denn es ist ja kein Mensch im Paradiese geboren, nicht einmal Adam, dieser wurde vielmehr dorthin „gesetzt“; auch ist keiner mit den Cherubim auf den hl. Berg Gottes, d. h. auf die himmlische Höhe erhoben worden, von welcher nach dem Ausspruch des Herrn der Satan heruntergefallen sein soll; es hat auch keiner unter den feurigen Steinen, bei den wie Edelsteine funkelnden Strahlen der leuchtenden Gestirne verweilt, sondern der Satan war es, der von da wie ein Blitz herabstürzte.2 Es ist vielmehr der Urheber der Sünde selbst in der Person des Mannes der Sünde gekennzeichnet worden; ehedem, an dem Tage seiner Erschaffung war er allerdings tadellos von Gott zum Guten erschaffen, da Gott untadelhafter Schöpfungen guter Schöpfer ist; ausgerüstet mit aller Glorie der Engel, war er in die Nähe Gottes gesetzt, als Guter zu dem Guten, späterhin aber ist er infolge eignen Thuns zum Bösen übergegangen. Seitdem Deine Schäden, heisst es, zutage getreten sind. Damit werden ihm diejenigen vorgeworfen, womit er den vom Gehorsam gegen Gott losgesagten Menschen schädigte. Er hat gesündigt, von da an, seitdem er Sünde aussäete und so „seinen Handel“ d. i. seine Bosheit „in grossem Umfange“ d. i. die ganze Kette3 von Sünden ins Werk setzte; obwohl er als Geistesodem mit Wahlfreiheit ausgerüstet war. Denn ein S. 187 Wesen, das ihm so nahe stand, wird Gott gewiss nicht ohne eine solche Freiheit ausgerüstet haben.
Demnach hat Gott durch die vorausgegangene Verdammung bezeugt, dass derselbe von der Form, die ihm bei seiner Erschaffung gegeben war, abgewichen sei und durch seine eigene Begierde freiwillig die Bosheit in sich aufgenommen habe. Auch trug Gott seiner Güte Rechnung, indem er dessen Thun gewähren liess und die Vernichtung des Teufels aus denselben Erwägungen aufschob wie die Wiederherstellung des Menschen. Er hat nämlich dem Kampfe Spielraum gelassen, damit der Mensch vermittelst derselben Willensfreiheit seinen Gegner zu Boden strecke, durch welche dieser ihn niedergeworfen hatte, und dadurch den Beweis liefere, dass die Schuld sein und nicht Gottes sei, damit er in würdiger Weise durch einen Sieg sein Heil wieder erlange, damit der Teufel dadurch um so bitterer von dem besiegt und gestraft werde, den er früher niedergeworfen hatte, und damit endlich Gottes Güte um so klarer erkannt würde, wenn er die glorreiche Rückkehr des Menschen aus dem Leben ins Paradies abwartete, damit dieser nun mit Erlaubnis vom Baume des Lebens pflücke.
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Die Prophezie Ezech. c. 28, 11 ff. lautet dem Buchstaben nach auf Tyrus, wird aber auch von anderen Kirchenvätern so gedeutet, wie hier von Tertullian. ↩
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Luk. 10, 18. ↩
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Nach der Emendation von Öhler: censum, welches zuweilen wie hier von einer Reihe gleichartiger Dinge gebraucht wird, z. B. census piscium de an. 32. ↩