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Bibliothek der Kirchenväter
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Works Tertullian (160-220) Adversus Marcionem Die fünf Bücher gegen Marcion. (BKV)
Zweites Buch

25. Cap. Ob die im alten Testament vorkommenden Fragen Gottes als ein Beweis seines Nichtwissens anzusehen sind?

Ich will nun, um alle derartigen Schwierigkeiten zu erledigen, zur Erklärung und Rechtfertigung dessen weiter gehen, was Ihr sonst noch als Kleinlichkeiten, Schwächen und Unzukömmlichkeiten ansehet. Gott ruft: „Adam, wo bist Du!“ — natürlich ohne zu wissen, wo er ist — und nachdem derselbe Scham wegen seiner Nacktheit vorgeschützt, fragt Gott ihn, ob er etwa von dem Baume gegessen habe, natürlich, weil er seiner Sache nicht gewiss war. Nein, im Gegenteil, er wusste um das Vergehen sehr gut und kannte Adams Versteck recht wohl. Allerdings war es nötig, dass Adam, der sich im Bewusstsein seiner Schuld verborgen hielt, nicht durch blossen Namensaufruf, sondern allsogleich mit einer Rüge seiner That vor das Angesicht Gottes gerufen wurde. Denn es ist nicht etwa im einfachen Frageton zu lesen: „Wo bist du, Adam,“ sondern im Tone des Nachdrucks, der Eindringlichkeit und des Vorwurfes: Adam, wo bist du? d. h. in der Verdammnis, d. h. du bist schon nicht mehr hier, so dass der Ruf ein Ausruf des Vorwurfs und der Klage über diesen Ausgang ist.

Im übrigen aber, wenn Gott den ganzen Erdkreis in seiner Hand hält wie ein Vogelnest, wenn der Himmel sein Sitz und die Erde sein Fussschemel ist, was Wunder dann, wenn sich seinem Auge ein Teil des Paradieses entzog, so dass er nicht sah, wo sich Adam vor dem Aufruf herumtrieb, und derselbe ihm verborgen blieb und von der verbotenen Frucht ass!? Dem Hüter deines Weinberges oder Gartens entgeht kein S. 205 Wolf und kein Dieb. Auch dem lieben Gott, glaube ich, der von einer ganz andern Höhe herabschaut, wird nichts, was unter ihm steht, entgehen können.

Thor, der Du über einen solchen Beweis göttlicher Güte und der Sorge für Belehrung der Menschen die Nase rümpfest! Gott fragte wie ein Unkundiger, um den Menschen auch bei dieser Gelegenheit als ein Wesen mit freiem Willen hinzustellen in einer Sache, wo er leugnen oder eingestehen konnte, und ihm so Gelegenheit zu geben, seine Sünde von freien Stücken zu bekennen und sie dadurch in etwa zu vermindern. So wird auch Kain gefragt, wo sein Bruder sei? Das klingt, als wenn Gott das Blut Abels noch nicht von der Erde zum Himmel hätte schreien hören. Es geschah aber, damit Kain Gelegenheit hätte, kraft desselben freien Willens seine Sünde zu leugnen und sie dadurch zu erschweren. Es sollten uns damit Beispiele dargeboten werden, die Sünden lieber zu bekennen als zu leugnen und damals schon die Keime zu der Lehre des Evangeliums gelegt werden. „Nach deinen eignen Worten wirst Du gerechtfertigt und nach deinen eignen Worten wirst Du verdammt werden.“1

Obschon Adam um der Beschaffenheit des ihm gegebenen Gesetzes willen dem Tode überliefert werden musste, so blieb ihm doch die Hoffnung, gemäss dem Ausspruch des Herrn: „Siehe, Adam ist geworden wie einer aus uns“2, was sich, wohlgemerkt, auf die zukünftige Aufnahme des Menschen in die Gottheit3 bezieht. Denn, was folgt darauf? „Und nun, dass er nicht etwa seine Hand ausstrecke, vom Baume des Lebens nehme und lebe ewiglich.“ Indem Gott nämlich die Zeitpartikel der Gegenwart hinzusetzt: „Und nun“ gibt er zu erkennen, dass er einen zeitweiligen und auf die Gegenwart beschränkten Aufschub des Lebens habe eintreten lassen. Deshalb sprach er auch den Fluch über Adam und Eva selber nicht aus, da sie, als durch ihr Eingeständnis wieder entlastet, die Anwartschaft auf Erlösung besassen. Kain dagegen wurde verflucht und durfte, obwohl er dies Verbrechen durch seinen Tod zu sühnen begehrte, vorläufig noch nicht sterben, weil er, abgesehen von seiner That, auch noch mit der Ableugnung derselben belastet war.

So also ist es mit dem Nichtwissen unseres Gottes bestellt. Es wurde nur deshalb fingiert, damit der sündige Mensch nicht in Unwissenheit bleibe über das, was er zu thun habe. — Aber nach Sodoma und Gomorha hinabsteigend sagt Gott: „Ich will zusehen, ob sie gethan haben, wie das Gerücht sagt, das zu mir gedrungen ist, wofern aber nicht, so will ich es wissen.“4 Auch hier ist er natürlich infolge seines Nichtwissens im unklaren und begierig, etwas zu erfahren! Oder war S. 206 dieser Ton der Rede, der unter dem Schein des Nachforschens nicht einen zweifelnden, sondern einen drohenden Sinn enthält, etwa hier nicht notwendig? Sollte Dir auch das Herabsteigen Gottes lächerlich vorkommen, als hätte er auf andere Weise, ohne herabzusteigen, sein Urteil nicht zum Abschluss bringen können, so siehe erst zu, ob das Deinen eigenen, den marcionitischen Gott nicht auch trifft! Denn er ist ja auch herabgestiegen, um sein Vorhaben ins Werk zu setzen.


  1. Matth. 12, 37. ↩

  2. I. Mos. 3, 22. ↩

  3. In der Incarnation. ↩

  4. I. Mos. 18, 21. ↩

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Die fünf Bücher gegen Marcion. (BKV)
Commentaries for this Work
Appendix to the Five Books Against Marcion

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