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Bibliothek der Kirchenväter
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Works Tertullian (160-220) Adversus Marcionem Die fünf Bücher gegen Marcion. (BKV)
Zweites Buch

27. Cap. Über die von den Marcioniten Jehova zum Vorwurf gemachten menschlichen Schwächen.

Um in Kürze gleich auch das übrige abzuthun, was Ihr zur Beseitigung des Schöpfergottes sonst noch vermeintlich als kleinliche, schwächliche und Gottes unwürdige Handlungen zusammentragt, so stelle ich in ganz einfacher und bestimmter Weise den Satz auf: Gott hätte überhaupt in gar keine Beziehungen zu den Menschen treten können, wenn er nicht menschliche Empfindungen und Affekte angenommen hätte. Durch sie schwächte er die der menschlichen Schwäche sonst unerträgliche Grösse seiner Majestät in einer Art von Erniedrigung ab, die seiner allerdings unwürdig, für den Menschen aber notwendig war. Dadurch wurde sogar diese Erniedrigung Gottes würdig, weil nichts Gottes würdiger ist, als die Errettung des Menschen.

Über diesen Punkt würde ich mehr sagen, wenn ich mit Heiden zu thun hätte, obwohl sich der Streit auch den Häretikern gegenüber nicht sehr viel anders stellt. Denn da Ihr Euch bereits zu dem Glauben bekennt, Gott habe unter menschlicher Gestalt und auch im übrigen dem Verlauf des menschlichen Daseins entsprechend auf Erden verweilt, so werdet Ihr doch wohl nicht mehr fordern, dass man Euch erst noch lange die Überzeugung beibringe, Gott habe sich der Menschheit konform gemacht, sondern Ihr werdet mit Eurer eigenen Glaubenslehre widerlegt. Wenn nämlich Gott, und zwar der oberste Gott seine erhabene Majestät so tief erniedrigte, dass er sich dem Tode, und noch dazu dem Kreuzestode unterwarf, warum wollt Ihr dann nicht annehmen, dass auch unserm Gotte einige Schwächen angestanden haben, welche doch noch erträglicher sind, als sich durch die Juden beschimpfen, kreuzigen und begraben zu lassen?

Oder sind das nicht die Schwächen, welche schon dadurch allein das Vorgefühl erwecken müssen, Christus, der menschlichen Leiden ausgesetzt war, sei der Gesandte desjenigen Gottes, dem Ihr die menschlichen Schwächen zum Vorwurfe macht? Ich glaube wohl, denn wir bekennen ja auch, dass Christus immer im Namen Gottes des Vaters gehandelt habe, dass er von Anfang an mit den Patriarchen und Propheten gewandelt und umgegangen sei, er, der Sohn des Schöpfers, sein Wort, den er aus sich selbst hervor nahm und so zu seinem Sohn machte, den er sodann über alle seine Anordnungen und seine Willensentschlüsse setzte und ihn ein wenig unter die S. 208 Engel erniedrigte, wie es bei David heisst.1 Durch diese seine Erniedrigung wurde er vom Vater auch für das disponiert, was ihr als menschlich tadelt, indem er schon damals von Anbeginn an Bekanntschaft mit dem machen musste, was er am Ende der Zeiten werden sollte, nämlich mit dem Menschenwesen.

Dass der Vater dagegen für sonst niemand sichtbar war, dürfte sogar durch das gemeinsame2 Evangelium bewiesen sein, wo Christus sagt: „Niemand hat den Vater gesehen als der Sohn“3. Denn er war derselbe, der auch im Alten Testament verkündig hatte: „Niemand wird Gott sehen und leben“,4 womit er den Vater für unsichtbar erklärt, in dessen Autorität und Namen er, der als der Sohn Gottes erschien, selbst Gott war. Aber bei uns wird Christus in der Person Christi auch angenommen, weil er auf diese Weise der unsrige ist.5

Was Ihr also als Gottes würdige Dinge fordert, das ist vorhanden bei dem unsichtbaren und unnahbaren Vater, welcher der, so zu sagen, nicht beunruhigte Gott der Philosophen ist. Was Ihr aber als Gottes unwürdig tadelt, das wird auf den Sohn übertragen werden, der gesehen und gehört wurde, der mit den Menschen umging, der, Vertreter und Diener der Gottheit, in sich den Gott und Menschen vereinigt, der seiner Macht nach Gott, in seinen Schwächen Mensch, dem Menschen so viel zubringt, als er Gott entzieht. So bildet denn also das ganze, was bei Euch als Schmach meines Gottes gilt, das Geheimnis der menschlichen Erlösung! Gott wandelte auf Erden, damit der Mensch das Göttliche thun lerne. Gott handelte in gleicher Weise wie der Mensch, damit der Mensch in gleicher Weise wie Gott handeln könne. Gott stellte sich als gering dar, damit der Mensch gross werde.

Wer einen solchen Gott verschmäht, von dem weiss ich nicht, ob er, auf dem Grunde des Glaubens stehend, an einen gekreuzigten Gott glauben könne. Wie verkehrt verhaltet Ihr Euch also in bezug auf beide Thätigkeiten des Schöpfergottes! Ihr bezeichnet ihn als Richter und die dem Verdienst der Thaten entsprechende richterliche Strenge scheltet Ihr Grausamkeit. Ihr verlangt einen guten Gott, und wenn seine Milde, wie sie zur Güte gehört, der Fassungskraft der menschlichen Armseligkeit entsprechend, demütig zu Werke geht, so setzt Ihr sie als kleinlich herunter. Erhaben gefällt er Euch nicht, gering auch nicht; als Richter gefällt er Euch nicht, als Freund auch nicht. Wie wäre es nun, wenn man dieselben Eigenschaften auch an Eurem Gott entdeckte? S. 209 Dass er Richter sei, haben wir in dem ihn betreffenden Buche schon gezeigt, als Richter aber kann er es nicht vermeiden, streng zu sein, und wenn er streng ist, dann ist er auch grausam, — aber nur, wenn er grausam sein kann.


  1. Ps. 8, 6. ↩

  2. Uns und den Marcioniten. ↩

  3. Matth. 11, 27. ↩

  4. II. Mos. 23, 20. ↩

  5. D. h. bei uns gilt Christus auch als das, was er wirklich ist hinsichtlich der Gottheit und Menschheit, während Marcion in ihm nur ein Scheinwesen sieht. ↩

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Translations of this Work
Die fünf Bücher gegen Marcion. (BKV)
Commentaries for this Work
Appendix to the Five Books Against Marcion

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