21. Cap. In welcher Weise sich die geweissagte Bekehrung der Heiden erfüllt habe.
So bist Du also auch nicht imstande, jenem Deinem Einwurfe Halt zu verschaffen an der Unterscheidung von zwei Christus, als würde der Christus der Juden vom Demiurgen nur dazu bestimmt sein, bloss dieses S. 246 Volk allein aus der Zerstreuung zurückzuführen, Euer Christus dagegen von dem guten Gott gegeben und geschenkt, um das ganze Menschengeschlecht zu befreien. Denn die Christgläubigen des Demiurgen sind am Ende auch früher da als die des Marcion, indem alle Völker von dem Augenblick an in sein Reich berufen sind, wo Gott vom Holze herab regierte und es noch keinen Cerdo, geschweige denn einen Marcion gab. In Bezug auf die Berufung der Heiden zurückgeschlagen, greife nur gleich zu den Proselyten. Du fragst, welche von den Heidenvölkern gehen denn zum Demiurgen über; denn der Prophet macht ja auch Proselyten von verschiedener und eigener Art besonders namhaft. „Siehe“, sagt Isaias, „Proselyten werden durch mich zu Dir kommen“,1 indem er damit zu erkennen gab, dass auch die Proselyten durch Christus zu Gott gelangen würden.
Auch die Nationen, und das sind wir, hatten ebenso ihre Bezeichnung als Hoffende auf Christus. „Und auf seinen Namen“, heisst es, „werden die Nationen hoffen.“ Die Proselyten aber, welche Du der die Heiden betreffenden Weissagung unterschiebst, pflegen nicht auf den Namen Christi zu hoffen, sondern auf die Ordnung Moses', von welchem die betreffende Einrichtung herrührt. Übrigens hat die Aufnahme der Heidenvölker erst in den letzten Tagen ihren Anfang genommen. In denselben Worten sagt Isaias:2 „Und es wird in den letzten Tagen offenbar sein der Berg des Herrn“, natürlich Christus, der katholische Tempel Gottes, in welchem Gott verehrt wird, der errichtet ist auf allen Gipfeln der Kräfte und Mächte; "und es werden zu ihm alle Nationen kommen und viele hingehen und sagen: Kommt, lasset uns hinansteigen zum Berg des Herrn und zum Hause des Gottes Jakob, und er wird uns lehren seinen Weg und wir werden denselben wandeln; von Sion wird ausgehen das Gesetz und das Wort des Herrn von Jerusalem.“ Das würde der Weg des neuen Gesetzes, das Evangelium sein, der Weg des neuen Wortes in Christo, nicht in Moses. „Und er wird Richter sein unter den Nationen“, natürlich über ihren Irrtum. „Und er wird ein ansehnliches Volk überführen“, vorzüglich aus den Juden selbst und den Proselyten. „Und sie werden umschmieden ihre Schwerter in Pflugscharen und ihre Spiesse in Sicheln“, d. i. alles Sinnen und Denken boshafter Herzen, feindlicher Zungen, alle Bosheit und Lästerung wird sich verwandeln in Gesinnungen der Genügsamkeit und des Friedens. „Und es wird kein Volk mehr gegen das andere zum Schwerte greifen“, d. i. zum Schwerte der Bosheit. „Sie werden nicht mehr das Kriegführen erlernen“, d. h. Feindseligkeiten ausüben, und auch daraus solltest Du erkennen, dass kein kriegsmächtiger Christus verheissen sei, sondern ein friedliebender.
S. 247 Leugne nun entweder, dass diese Verheissungen gegeben wurden, da sie doch vor Augen liegen, oder dass sie in Erfüllung gegangen sind, während man sie liest, oder wenn Du keins von beiden leugnen kannst, dann werden die Prophezeiungen in dem erfüllt sein, auf den sie lauteten. Wirf auch einen Blick auf das Auftreten und den Verlauf der Berufung der Heiden, die erst seit den letzten Zeiten3 zum Schöpfergott übergehen, nicht auf die Proselyten, deren Annahme vielmehr in die ersten Zeiten4 fällt. Die Einführung dieses Glaubens war das Werk der Apostel.