6. Cap. Klarstellung des Gegenstandes und der Methode des nun folgenden Nachweises, dass der zur Zeit des Tiberius erschienene Christus der vom Schöpfergott im alten Testamente verheissene Messias sei und nicht, wie Marcion behauptet, der Christus des andern Gottes der reinen Güte. Dies ergibt sich sogar aus den Teilen der hl. Schrift, welche Marcion als echt und unverfälscht gelten lässt und beibehalten hat.
Doch nehmen wir nun eine andere Position ein und berufen uns, wie versprochen, auf das Evangelium des Marcion selber, um auch so zu zeigen, dass es gefälscht sei. Sicherlich hat er seine ganze Ausarbeitung mit Vorausschickung der Antithesen zu dem Zwecke angefertigt, um den Zwiespalt zwischen altem und neuem Testament zu begründen und somit zu beweisen, dass sein Christus mit dem Schöpfergott nichts zu schaffen habe, als Christus eines andern Gottes und dem Gesetz und den Propheten gänzlich fremdartig. Zu diesem Zwecke jedenfalls hat er darin alles seiner Ansicht entgegenstehende, was zu gunsten des Schöpfergottes spricht, als von den Gegnern eingeschoben, getilgt; was aber zu seiner Ansicht passt, das hat er stehen gelassen.
S. 265 Dieses letztere nun werden wir aufgreifen, daran werden wir uns halten, sobald es uns günstiger ist und den Wahn des Marcion in Trümmer schlägt. Dann wird es sich herausstellen, dass es dieselbe fehlerhafte häretische Blindheit gewesen ist, welche das Eine getilgt und das andere beibehalten hat. Das wird also die Intention und die Form unseres Werkes sein, mit der Bedingung natürlich, die von beiden Seiten aufgelegt wird. Marcion behauptet, der Christus, welcher zur Zeit des Tiberius von einem unbekannten Gott geoffenbart wurde, sei ein anderer als der, welcher vom Schöpfergott zur Wiederherstellung des jüdischen Staates bestimmt worden ist und welcher dereinst erst kommen soll. Zwischen diesen beiden reisst er die Kluft der Verschiedenheit so gross und so allgemein, wie zwischen streng gerecht und gütig, zwischen Gesetz und Evangelium, zwischen Judentum und Christentum. Darauf basiert nun auch unsere Prozesseinrede, kraft deren wir darauf bestehen, dass der Christus des andern Gottes mit dem Schöpfergott nichts gemein haben dürfe, weil er sonst als sein Christus angesehen werden müsste, wofern er nämlich dessen Ratschlüsse ausführte, seine Prophezien erfüllte, seine Gesetze unterstützte, seine Verheissungen verwirklichte, seine Macht wiederherstellte, seine Urteile reformierte, seine Sittlichkeits-Prinzipien und Eigentümlichkeiten zum Ausdruck brachte. Dieser Abmachung und dieses Gesetzes bitte ich den Leser überall eingedenk zu sein und nun die Untersuchung darüber, ob Christus Marcion zugehöre oder dem Schöpfer, zu beginnen.
Hiermit ist Inhalt und Aufgabe des IV. Buches gegen Marcion dargelegt. Von nun an beginnt der detaillirte Nachweis der aufgestellten These an der Hand des von Marcion gekürzten Lukas-Evangeliums und der echten hl. Schrift. Die ganze folgende Auseinandersetzung ist daher, sozusagen, eine Mosaik von Bibelstellen, die nur selten durch eine kurze Erörterung von allgemeinem Interesse unterbrochen ist. Im V. Buche wird dann dasselbe Verfahren an den Marcionitischen Paulusbriefen durchgeführt. Aus diesem Grunde wurde von einer vollständigen Übersetzung dieser beiden Bücher Abstand genommen.