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Œuvres Tertullien (160-220) Adversus Marcionem Die fünf Bücher gegen Marcion. (BKV)
Drittes Buch

23. Cap. Ebenso ist das den Juden, wenn sie Christus verwerfen würden, in den Weissagungen angedrohte Schicksal eingetroffen.

S. 249 Da Du, o Marcion, mit den Juden behauptest, ihr Christus sei noch nicht gekommen, so vernimm nun auch das endliche Schicksal desselben, welches den Prophezeiungen zufolge nach Christi Zeit sie treffen sollte, wegen der Gottlosigkeit, womit sie ihn verachteten und töteten.

Von dem Tage an, wo nach Isaias die Menschen die goldenen und silbernen Gegenstände des Greuels,1 die sie gemacht zur Verehrung thörichter und schädlicher Wesen, bei Seite warfen, d. h. nachdem das Menschengeschlecht, durch Christus erleuchtet, die Götzenbilder beiseite warf, von der Zeit an ist, wie du Dich überzeugen wirst, nämlich erstens folgende Prophezeiung in Erfüllung gegangen: „Es nahm der Herr Sabaoth von Judäa und von Jerusalem unter anderem auch den Propheten und weisen Baumeister weg“,2 den heiligen Geist nämlich, der die Kirche erbaut, d. i. den Tempel, das Haus und die Stadt Gottes. Denn von der Zeit an hörte bei ihnen die Gnade Gottes auf und die Wolken erhielten den Befehl3 , keinen Regen kommen zu lassen über den Weinberg von Seroch, d. h. die Wohlthaten des Himmels sollten dem Hause Israel nicht mehr zuteil werden. Es hatte nämlich ein Dornengeflecht gemacht, um den Herrn damit zu krönen, nicht Gerechtigkeit geübt, sondern das Geschrei erhoben, wodurch es ihn ans Kreuz brachte. Und so erstreckt sich, weil der Tau der Gnadengaben aufgehört hat, das Gesetz und die Propheten nur bis auf Johannes.

Da der Name des Herrn mit halsstarriger Wut von ihnen gelästert wurde, wie geschrieben steht: „Euretwegen wird mein Name gelästert unter den Heiden“4 — bei ihnen nämlich ging die Beschimpfung an — und da sie während der Zwischenzeit von Tiberius bis Vespasian von keiner Reue wissen wollten, so wurde sodann zweitens ihr Land zur Einöde gemacht, ihre Städte verbrannt, ihr Gebiet unter ihren Augen von den Ausländern verwüstet und Sion einer verlassenen Tochter gleich, einem Wachtturm im Weinberg und einem Häuschen im Gurkenfeld — nämlich von der Zeit an, wo Israel den Herrn nicht erkannte, sondern ihn verliess und zum Unwillen reizte den Heiligen Israels. Ebenso hat auch die bedingte Drohung mit dem Schwerte: „Wenn Ihr nicht wollt und mich nicht höret, so soll das Schwert Euch dahinraffen“,5 den Beweis geliefert, dass es Christus gewesen ist, den sie nicht hören wollten, und weswegen sie umkamen.

Letzterer fordert daher im 58. Psalm [=59. Psalm] vom Vater auch ihre Zerstreuung. „Zerstreue sie in Deiner Macht!“6 Derselbe peroriert wiederum durch Isaias für ihre Verbrennung7 : „Um meinetwillen'“, sagt er, „ist Euch dies widerfahren; in Ängsten werdet Ihr schlafen.“ Unsinnig genug, S. 250 wenn sie es nicht um dessentwillen gelitten haben, der vorhersagte, dass sie es um seinetwillen leiden sollten, sondern wegen des Christus des andern Gottes! — Nun aber nennt Ihr den, welcher durch die Kräfte und Mächte des Schöpfergottes, die ihm feindlich sind, ans Kreuz gebracht worden ist, den Christus des andern Gottes. Aber, siehe da, es zeigt sich, dass er vom Demiurgen verteidigt wird „es sind ihm gegeben worden die Schlechtesten für sein Begräbnis,“ nämlich die, welche bezeugten, er sei gestohlen worden, „und die Reichen für seinen Tod'“, nämlich die, welche von Judas die Auslieferung und von den Soldaten ein falsches Zeugnis über den entwendeten Leichnam erkauft hatten.8 Entweder also sind die Juden nicht seinetwegen von diesen Schicksalen getroffen, wogegen aber spricht, dass der Sinn der hl. Schrift mit dem Verlauf der Dinge und der Zeitfolge übereinstimmt — oder jene Schicksale trafen sie um seinetwillen, und dann war nur dies eine möglich, dass der Demiurg seinen Christus rächte. Er würde hingegen die Juden9 belohnt haben, wofern sie den Gegner ihres Herrn umgebracht hätten.

Gewiss ist aber, wenn der Christus des Schöpfergottes noch nicht gekommen ist, um dessentwillen die Juden der Prophezeiung nach dieses leiden sollen, so werden sie es folglich dann leiden, wenn er kommt. Wer wird dann die einsam zu lassende „Tochter Sion“ sein, die jetzt schon gar nicht mehr existiert? Wo werden die Städte sein, die verbrannt werden sollen, da sie jetzt schon Schutthaufen sind? Wie steht es mit der Zerstreuung des Volkes, das jetzt schon verbannt ist? Versetze Judäa erst wieder in den Zustand, in welchem es der Christus des Schöpfergottes finden soll, und dann magst Du behaupten, der Gekommene sei ein anderer gewesen. Sodann, was soll es heissen, dass er ihn durch seinen Himmel eingehen liess, während er ihn auf der Erde umbringen möchte, dass die angeseheneren und herrlicheren Regionen seines Reiches durch ihn erbrochen, sein Vorhof selbst und seine Burg betreten wurden? Oder hat er dies etwa vorgezogen? Offenbar ist Gott ein eifriger Gott, und doch hat jener gesiegt. Schäme Dich, dass Du einem besiegten Gott Glauben schenkst! Was kannst Du von einem hoffen, der sich selbst nicht zu schätzen verstand? Dann entweder unterlag er den Kräften und Leuten des Demiurgen aus Schwäche oder in der böswilligen Absicht, sie durch sein Dulden in ein so grosses Verbrechen zu verstricken.


  1. Die Götzenbilder, Is. 2, 20. ↩

  2. Frei nach Is. 3, 2 ff. citiert. ↩

  3. Is. 5, 7. ↩

  4. Is. 52, 5. ↩

  5. Is. 1, 20. ↩

  6. Ps. 58, 12 [=Ps. 59, 12].. ↩

  7. Is. 50, 11. ↩

  8. Is. 53, 9. ↩

  9. Im Text stellt freilich Judam nicht Judaeos, was der Zusammenhang fordert. ↩

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