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Œuvres Tertullien (160-220) Adversus Marcionem Die fünf Bücher gegen Marcion. (BKV)
Viertes Buch. (Extract)

4. Cap. Wenn Marcion sein Evangelium für das rechte und echte Lukas-Evangelium ausgibt und den gewöhnlichen Text als gefälscht bezeichnet, so entscheidet darüber das Zeitverhältnis. Nun hat man aber vor dem Abfall des Marcion von der Kirche von dieser kritischen Streitfrage über die beiden Texte des Lukas-Evangeliums gar nichts gewusst, also nur einen gekannt, und das war offenbar nicht der Text Marcions.

Wir müssen also nun das Haderseil ziehen, wobei die Kraftanstrengung von beiden Seiten die gleiche ist. Ich nenne mein Evangelium echt, Marcion seins; ich nenne seins verfälscht, er meins. Wer wird zwischen uns entscheiden? Nur das Zeitverhältnis, indem die Zeit für das, was das ältere ist, Autorität präskribirt und gegen das, was als das jüngere dastehen wird, das Präjudiz der Verfälschung erweckt. Denn sowie die Fälschung eine Verderbnis des echten ist, so muss notwendig das Echte dem Gefälschten vorausgehen. Erst wird der Gegenstand da sein müssen, ehe etwas mit ihm geschieht, und die Sache, bevor sie nachgeäfft wird. Wenn wir erwiesen haben, dass unser Evangelium älter, das Marcionitische dagegen jünger sei, so wäre es höchst absurd, dass einerseits unser Evangelium schon als ein gefälschtes erscheinen sollte, bevor ein echtes ihm den Stoff dazu geliefert hatte, andererseits das Marcionitische durch das unsrige Widerspruch erfahren habe, bevor es herausgegeben war, und endlich drittens, dass das in höherem Grade als echt gelten soll, was spätem Ursprungs ist, nachdem bereits so viele wichtige Werke und Urkunden der christlichen Religion im Laufe der Zeit erschienen waren, die ohne ein echtes Evangelium, d. h. vor einem echten Evangelium, nicht hätten erscheinen können.

Was also das nunmehr sogenannte Evangelium des Lukas angeht, insofern seine Echtheit bei gemeinschaftlichem Besitz zwischen uns und Marcion streitig ist, so ist das, was darin mit unserer Lehre harmoniert, um so viel älter als Marcion, als er selber ihm einmal Glauben geschenkt hat, zur Zeit, als er im ersten Eifer des Glaubens der katholischen Kirche sein Vermögen übertrug, das aber bald mit ihm zusammen S. 262 hinausgeworfen wurde, nachdem er von unserer Wahrheit ab in seine Häresie verfallen war. Wie aber, wenn die Marcioniten im Widerspruch sogar mit Marcions eigenem Briefe leugnen sollten, dass er zuerst bei uns den Glauben angenommen hat? Wie, wenn sie auch seinen Brief nicht einmal anerkennen sollten? — Dann erklären sie sicher doch noch die Antithesen nicht bloss für ein Werk Marcions, sondern sie geben ihnen auch den Vorzug. Der Beweis aus diesen letzteren aber genügt mir. Denn wenn das Evangelium, welches bei uns als das des Lukas gilt — ob bei Marcion auch, werden wir sehen, — dasselbe ist, welches Marcion in seinen Antithesen tadelt, als von den Gönnern des Judaismus verfälscht, um das Gesetz und die Propheten damit zu verschmelzen, weil sie sich mit Hilfe dessen auch Christus heraustifteln, so konnte er jedenfalls nur das tadeln, was er vorgefunden hat. Niemand tadelt das Zukünftige, da er es, weil zukünftig, noch nicht kennt. Die Besserung geht nie der Sünde vorher. Als einziger und erster Verbesserer des von den Zeiten des Tiberius bis auf die des Antoninus in Verderbnis geratenen Evangeliums begegnet uns nur Marcion. Er wurde die ganze Zeit hindurch von Christus mit Schmerzen erwartet und es that diesem schon leid, dass er die Apostel so eilig und ohne sich des Beistandes Marcions versichert zu haben, vorausgeschickt hatte. Jedoch die Häresie ist eine Sache menschlicher Verwegenheit, nicht der Autorität Gottes, und sie verbessert stets die Evangelien so, dass sie schlechter werden, während Marcion, auch wenn er ein Jünger, doch „nicht über dem Meister“ stand. War er ein Apostel, so sagt Paulus, „sowohl ich als auch sie, wir predigen so“. War er ein Prophet, so sind auch „die Prophetengeister den Propheten unterthan, denn sie sind nicht Geister der Zerstörung, sondern des Friedens“. Selbst wenn er ein Engel gewesen wäre, so würde er eher Anathema heissen müssen als ein Verkünder des Evangeliums, weil er ein anderes Evangelium verkündet hat. Durch seine Verbesserungen bestätigt er also beides, sowohl dass unser Evangelium das ältere sei, indem er nur Dinge verbessern konnte, die er vorfand, und zweitens, dass dasjenige, welches er aus dem verbesserten unsrigen schuf und sich dann zu eigen machte, das spätere war.

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Die fünf Bücher gegen Marcion. (BKV)
Commentaires sur cette œuvre
Appendix to the Five Books Against Marcion

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