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Wie gottlos aber ist die Behauptung dieses Menschen, der uns den Vorwurf der Gottlosigkeit macht, „die unvernünftigen Tiere“ seien nicht nur „weiser“, sondern auch „gottgeliebter“ als die Menschenwesen. Wen sollte das nicht empören, wenn er einen sagen hört, eine Schlange, ein Fuchs, ein Wolf, ein Adler, ein Habicht besitze Gottes Liebe in höherem Grad als das Geschlecht der Menschen? Folgerichtig müßte er dann auch sagen, dass, wenn diese Tiere „gottgeliebter“ sind als die Menschen, sie natürlich von Gott auch mehr geliebt werden als Sokrates, Plato, Pythagoras, Pherekydes und die andern Gottesgelehrten, die er kurz zuvor so hoch gefeiert hat. Da könnte man ihm wohl dies wünschen: Wenn wirklich diese Tiere Gott lieber sind als die Menschen, so mögest du mit ihnen „gottgeliebt“ sein und denen gleich gemacht S. 425 werden, die in deinen Augen „gottgeliebter“ sind als die Menschen. Er soll nicht annehmen, dass dies eine Verwünschung sei; denn wer wollte nicht denen ganz und gar ähnlich zu werden wünschen, von welchen er glaubt, dass sie Gott lieber seien als die übrigen Wesen, damit auch er „gottgeliebt“ sei wie sie? Indem aber Celsus dartun will, dass „die Gespräche“, welche „die unvernünftigen Tiere“ miteinander führen, heiliger seien als die unsrigen, beruft er sich nicht auf das Zeugnis des ersten besten, sondern auf das von „Weisen“ Männern. „Weise“ Männer sind aber in Wahrheit einzig die Guten, denn kein Böser ist „weise“. Er äußert sich nun folgendermaßen: „ Es sagen aber die Weisen unter den Menschen, dass die Tiere sich auch miteinander unterreden, und dass sie viel heiligere Gespräche führen als wir. Sie selbst behaupten, die Sprache der Tiere zu kennen und diese Kenntnis tatsächlich zu erweisen, indem sie uns berichten, die Vögel hätten erklärt, sie würden sich irgendwohin begeben und dieses oder jenes tun, und dann den Nachweis liefern, dass diese sich dahin begeben hätten und das täten, was sie eben vorausgesagt hätten.“ Diese Wahrheit ist nun, dass kein verständiger Mann jemals solche Dinge berichtet, dass kein weiser Mann gesagt hat, „die Gespräche, welche die unvernünftigen Tiere miteinander führen, seien heiliger als die Gespräche der Menschen“.
Wenn wir aber, um die Richtigkeit der Behauptungen des Celsus genauer zu untersuchen, die daraus sich ergebenden Folgen betrachten, so wird klar, dass nach seiner Ansicht „die Gespräche der unvernünftigen Tiere heiliger“ sind als die erhabenen Vorträge eines Pherekydes, Pythagoras, Sokrates, Plato und anderer Philosophen. Das ist aber an und für sich nicht nur wenig wahrscheinlich, sondern auch ganz widersinnig. Wenn wir aber auch S. 426 glauben wollen, es gebe gewisse Personen, die aus dem verworrenen Geschrei der Vögel erfahren, dass „diese sich irgendwohin begeben und dieses oder jenes tun würden“ und die uns das „vorausverkünden“, so könnten wir höchstens sagen, Dämonen hätten dies mittelst gewisser Zeichen den Menschen in der Absicht mitgeteilt, diese zu täuschen und ihre Gedanken von dem Himmel und von Gott abzuwenden und zur Erde und noch tiefer herabzuziehen.
