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Werke Tertullian (160-220) Adversus Marcionem

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Die fünf Bücher gegen Marcion. (BKV)

13. Cap. Ob und inwiefern Christus als ein Kriegsheld und als Überwinder von Damaskus und Assyrien nach Is. Cap. 8 gelten könne.

In gleicher Weise lassest Du Dich vom blossen Schalle der Titel leiten, wenn Du „die Macht von Damaskus, die Beute von Samaria und den König der Assyrier“ so nimmst, als würde durch diese Ausdrücke der Christus des Schöpfergottes als Krieger angekündigt, ohne darauf Acht zu geben, was die hl. Schrift hat vorausgehen lassen, dass „bevor er Vater und Mutter sagen kann, er die Stärke von Damaskus und die Beute von Samaria fortführen wird gegen den König der Assyrier“.1 Du solltest nämlich vorerst die Angabe des Lebensalters berücksichtigen und zusehen, ob dasselbe wohl Christum auch schon als Mann hinstelle, geschweige denn gar noch als einen Feldherrn. In letzterem Falle hätte natürlich das Kind durch Geplärre zu den Waffen rufen müssen, die Signale zur Schlacht nicht mit der Trompete, sondern mit der Kinderklapper geben, nicht vom Pferde, dem Streitwagen oder der Stadtmauer herunter, sondern am Halse oder auf dem Rücken seiner Amme oder Kindsmagd hängend auf den Feind hinzeigen und so anstatt der Mutterbrust Damaskus und Samaria S. 232 überwältigen müssen. Wenn die Kinder bei den Barbaren in Pontus mit in die Schlacht hinauslaufen, so ist das etwas anderes; vermutlich sind sie vorher an der Sonne gesalbt worden, sodann mit Windeln bepanzert, bekommen ihre Buttermilch als Kriegsration und verstehen schon Lanzen zu schwingen, ehe sie noch den Löffel regieren können. Wenn aber der Lauf der Natur es nirgendwo gestattet, eher Krieg zu führen, bevor man das Leben hat, und die Macht von Damaskus an sich zu reissen, bevor man die Worte Vater und Mutter auszusprechen vermag, so folgt daraus, dass der Ausspruch bildlich gemeint ist.

Aber, wendet Marcion ein, dass eine Jungfrau gebäre, ist auch gegen den Lauf der Natur und doch glaubt man es dem Propheten. — Mit Recht! Er hat nämlich dem Glauben an das Unglaubliche eine Grundlage gegeben, indem er als Grund dafür angab, dass sie als Kennzeichen dienen würde. „Deshalb“, heisst es, „wird Euch der Herr ein Zeichen geben: Siehe die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären.“ — Als ein Zeichen von Gott konnte aber nur eine aussergewöhnliche, neue Erscheinung dienen. Wenn daher die Juden, um uns in den Weg zu treten, manchmal so verwegen sind, zu Ausflüchten zu greifen und vorgeben, die Schrift besage nur, dass ein junges Weib, nicht gerade eine Jungfrau empfangen und gebären solle, so werden sie damit widerlegt, dass eine so alltägliche Erscheinung wie das Empfangen und Gebären seitens eines jungen Weibes nicht als ein Zeichen angesehen werden könne.

Mit Recht wird also die als Zeichen hingestellte Mutter auch für eine Jungfrau, aber nicht mit Recht das Kind für einen Krieger gehalten. Denn hier fehlt der Zweck, dass es ein Zeichen sein soll, und nachdem das Zeichen einer ganz ungewöhnlichen Geburt angegeben ist, wird sodann nach diesem Zeichen für das Kind sogleich eine ganz andere Ordnung aufgestellt, „es wird Honig und Butter essen“. Und es ist auch sicher kein Zeichen, dass es dem Bösen nicht zustimmen werde, denn auch das ist Sache der Kindheit, sondern Zeichen ist wieder, dass es die Macht von Damaskus und die Beute von Samaria gegen den König der Assyrier erhalten werde.2 Man halte nur das Maass des Alters fest und suche dann den Sinn der Verheissung; oder gebe vielmehr nur dem Evangelium seine Wahrheit wieder, die man ihm entzogen hat, und die Prophezeiung wird so gewiss verständlich sein, als ihre Erfüllung berichtet wird.3 Man muss aber die Magier aus dem Orient, die den neugeborenen Christus mit Gold und Weihrauch beschenken, hübsch beibehalten.4 Dann wird das Kind schon die Macht von Damaskus und die Beute von Samaria empfangen, auch ohne Kampf und ohne Waffen.

S. 233 Denn abgesehen davon, dass, wie allen bekannt ist, die Macht des Orients, d. h. seine Kraft und Stärke, in Gold und Wohlgerüchen sich auszuzeichnen pflegt, steht es fest, dass für den Schöpfergott auch die Macht der übrigen Völker in Gold bestehe, wie er durch Zacharias sagt: „Auch Juda wird streiten in Jerusalem und alle Kräfte der Nationen ringsherum zusammenbringen, Gold und Silber.5 Mit Bezug auf das damalige Geschenk an Gold sagt auch David: „Und es wird ihm gegeben werden vom Golde Arabiens“,6 und wiederum: „Die Könige von Arabien und Saba werden ihm Geschenke bringen.“7 Denn der Orient hatte in der Regel Magier zu Königen und Damaskus wurde ehemals zu Arabien gerechnet, bevor es infolge der Teilung der beiden Syrien zu Syrophönizien geschlagen wurde. Seine Macht empfing damals Christus, in der Annahme seiner charakteristischen Producte, nämlich des Goldes und der Wohlgerüche. Die Beute von Samaria aber waren die Magier selbst, die auf das Zeugnis des Sternes hin, der ihnen als Zeichen und Führer diente, ihn erkannten, ihn mit Geschenken ehrten und ihn als ihren Gott und König kniefällig anbeteten. So machten sie sich Samaria, d. h. die Idololatrie zur Beute, indem sie an Christus glaubten. Der Name Samaria nämlich ist nur eine tadelnde Bezeichnung für den Götzendienst, mit dem Samaria befleckt war, da es unter dem König Jeroboam von Gott abfiel.

Auch das ist bei dem Schöpfergott nichts neues, dass er zur Gleichstellung der Vergehungen sich einer sinnbildlichen Vertauschung der Namen bedient. Er nennt z. B. auch die Fürsten von Juda Fürsten von Sodoma, das Volk selbst Volk von Gomorrha.8 Ein anderes Mal sagt er: „Dein Vater ist ein Amorrhäer und Deine Mutter eine Chethäerin“9 wegen ihrer Ähnlichkeit in der Gottlosigkeit; einstmals hatte er sie seine eigenen Söhne genannt. „Söhne habe ich erzeugt und erhoben“.10 So wird auch unter Ägypten zuweilen der ganze Erdkreis gemeint wegen seines Sündenregisters von Aberglauben und Fluch. So ist auch Babylon bei unserem Johannes11 ein Sinnbild der Stadt Rom, die in gleicher Weise gross ist und, stolz auf ihre Herrschaft, die Heiligen Gottes bekämpft. Nach demselben Sprachgebrauche also hat er auch die geplünderten Magier mit der Benennung Samariter tituliert, weil sie mit den Samaritern, wie gesagt, die Idololatrie gemein gehabt hatten. Unter „dem König der Assyrier“ aber verstehe man: „den König Herodes“, dem die Magier entgegen handelten, indem sie ihm nichts über Christus, den er umzubringen trachtete, meldeten.


  1. Is. 8, 4. ↩

  2. Is. 7, 16. ↩

  3. Nämlich in den Evangelien. ↩

  4. Und nicht deren Geschichte beseitigen, wie Marcion thut, der das Evangelium erst mit Luk. 4, 14 beginnen lässt. ↩

  5. Zachar. 14, 14. ↩

  6. Ps. 71, 15 [=Ps. 72, 15]. ↩

  7. Ibid. v. 10. ↩

  8. Is. 1, 10. ↩

  9. Ezech. 16, 3. ↩

  10. Is. 1, 2. ↩

  11. Apok. 14, 8; 16, 19 u. s. w. ↩

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Fünf Bücher gegen Marcion

13.

[1] Ebenso lässt du dich vom Klang der Namen leiten, wenn du die Macht von Damaskus, die Beute Samarias und den König der Assyrer so nimmst, als kündigten sie einen kriegerischen Christus des Schöpfers an, und dabei nicht beachtest, was die Schrift vorausschickt: dass er, »ehe er Vater und Mutter zu rufen weiß, die Macht von Damaskus und die Beute Samarias empfangen wird gegen den König der Assyrer«. [2] Denn zuerst musst du die Angabe des Alters betrachten: ob sie einen Christus schon als Mann darstellen kann, geschweige denn als Feldherrn. Etwa sollte das Kindlein mit Wimmern zu den Waffen rufen und die Kriegssignale nicht mit der Trompete, sondern mit der Klapper geben; und nicht vom Pferd oder vom Wagen oder von der Mauer herab, sondern vom Hals oder Rücken seiner Amme oder Trägerin aus den Feind bestimmen und so Damaskus und Samaria noch an der Mutterbrust unterwerfen? [3] Etwas anderes wäre es, wenn bei den Pontikern, jenem barbarischen Volk, die Kinder in die Schlacht ausbrechen — zuvor, glaube ich, an der Sonne eingesalbt, dann in Windeln gerüstet und mit Butter besoldet, die eher zu lanzieren als zu lallen wüssten. Wenn aber die Natur dies nirgends zulässt, eher Kriegsdienst zu tun als zu leben, eher die Macht von Damaskus zu nehmen als das Wort Vater und Mutter zu kennen, so folgt, dass die Aussage als bildlich anzusehen ist. »Doch dass eine Jungfrau gebiert«, sagst du, »lässt die Natur ebenso wenig zu, und man glaubt es dem Propheten dennoch.« Und mit Recht. [4] Denn er hat dem unglaublichen Vorgang den Glauben vorbereitet, indem er den Grund angab: dass es nämlich ein Zeichen sein werde. »Darum«, sagt er, »wird euch der Herr ein Zeichen geben: Siehe, eine Jungfrau wird im Leib empfangen und einen Sohn gebären.« Ein Zeichen aber von Gott wäre, wenn es nicht etwas ungeheuerlich Neues wäre, eben kein Zeichen gewesen. [5] Und wenn schließlich die Juden, sooft sie zu lügen wagen, um uns zu Fall zu bringen, behaupten, die Schrift enthalte nicht, dass eine Jungfrau, sondern dass eine junge Frau empfangen und gebären werde, so werden sie eben dadurch widerlegt, dass eine alltägliche Sache — die Schwangerschaft und Geburt einer jungen Frau — unmöglich als Zeichen gelten kann. Als Zeichen bestimmt wird also mit Recht die Jungfrau und Mutter geglaubt, das kriegführende Kind aber nicht ebenso; denn hier waltet kein Grund eines Zeichens. Vielmehr wird, nachdem das Zeichen der neuen Geburt beigeschrieben ist, von da an nach dem Zeichen schon eine andere Ordnung des Kindes verkündet: dass es Honig und Butter essen werde. [6] Und auch dies ist gewiss kein Zeichen, dass es der Bosheit nicht zustimmen werde — denn auch das gehört zur Kindheit —, sondern dass es die Macht von Damaskus und die Beute Samarias empfangen werde gegen den König der Assyrer. Wahre das Maß des Alters und suche den Sinn der Verkündigung, ja gib dem Evangelium der Wahrheit zurück, was du ihm später entzogen hast, und die Weissagung wird ebenso verstanden, wie sie als erfüllt gemeldet wird. Mögen aber jene Weisen aus dem Osten in der Kindheit dem neugeborenen Christus mit Gold und Weihrauch Geschenke bringen — und das Kind mag die Macht von Damaskus ohne Schlacht und Waffen empfangen haben. [7] Denn abgesehen davon, dass es allen bekannt ist, dass die Macht des Ostens, das heißt seine Kraft und Stärke, gewöhnlich in Gold und Wohlgerüchen liegt, ist es gewiss dem Schöpfer eigen, das Gold auch zur Macht der übrigen Völker zu machen, wie durch Sacharja: »Und Juda wird sich bei Jerusalem vorschieben und die ganze Stärke der Völker ringsum versammeln, Gold und Silber.« [8] Von jener Gabe des Goldes aber sagt auch David: »Und es wird ihm gegeben werden vom Gold Arabiens«; und wiederum: »Die Könige der Araber und von Saba werden ihm Gaben darbringen.« Denn der Osten hatte die Magier meist als Könige, und Damaskus wurde früher zu Arabien gerechnet, ehe es durch die Einteilung der syrischen Provinzen zu Syrophönizien überschrieben wurde; dessen Macht empfing Christus damals, indem er dessen Kennzeichen empfing, nämlich Gold und Wohlgerüche. Die Beute Samarias aber sind die Magier selbst, die, nachdem sie ihn erkannt, mit Gaben geehrt und auf den Knien wie einen Gott und König angebetet hatten unter dem Zeugnis des Sterns als Anzeiger und Führer, zur Beute Samarias geworden sind, das heißt des Götzendienstes, indem sie nämlich an Christus glaubten. [9] Denn den Götzendienst hat er mit dem Namen Samarias bezeichnet, als einer wegen des Götzendienstes schändlichen Stadt, mit dem sie damals unter König Jerobeam von Gott abgefallen war. Denn auch dies ist beim Schöpfer nichts Neues, dass er bildlich Namen aus der Vergleichbarkeit der Verbrechen überträgt. So nennt er auch die Fürsten der Juden Fürsten von Sodom und das Volk selbst Volk von Gomorra. Und derselbe sagt anderswo: »Dein Vater ist ein Amoriter und deine Mutter eine Hetiterin«, wegen der gleichartigen Gottlosigkeit — dieselben, die er einst auch seine Söhne genannt hatte: »Söhne habe ich gezeugt und großgezogen.« [10] So wird bei ihm auch Ägypten zuweilen als der ganze Erdkreis verstanden, mit dem Beinamen des Aberglaubens und des Fluchs. So ist auch Babylon bei unserem Johannes ein Bild der Stadt Rom, die ebenso groß und stolz auf ihre Herrschaft und eine Bekämpferin der Heiligen Gottes ist. Nach diesem Brauch also hat er auch die Magier mit der Benennung der Samariter belegt, als solche, die dessen beraubt wurden, was sie mit den Samaritern gemein hatten, wie wir sagten: des Götzendienstes. Unter dem König der Assyrer aber verstehe den Herodes, dem die Magier damals gewiss entgegenhandelten, indem sie ihm über Christus nichts meldeten, den er umzubringen suchte.

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