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Werke Tertullian (160-220) Adversus Marcionem

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Die fünf Bücher gegen Marcion. (BKV)

2. Cap. Von den vier Evangelien will Marcion nur das verstümmelte Evangelium des Lukas, dem auch der Titel fehlt, gelten lassen, als sei es das Evangelium des hl. Paulus. Man könnte sich auch hierbei damit begnügen, gegenüber den Schriften der eigentlichen und älteren Apostel demselben einfach alle Autorität abzusprechen.

S. 259 Das wäre kurz und bündig unsere Antwort auf die Antithesen. Ich gehe nun zum Nachweise in betreff des Evangeliums über, das freilich nicht mehr Judaistisch, sondern Pontisch, gegenwärtig verfälscht ist, um damit die Grundlage für die einzuhaltende Reihenfolge zu gewinnen. Wir stellen zuerst fest, dass die evangelische Urkunde zu Verfassern die Apostel habe, denen die Aufgabe, das Evangelium zu verbreiten, vom Herrn selbst auferlegt wurde. Wenn apostolische Männer darunter sind, so sind sie nicht bloss dieses, sondern auch Zeitgenossen und Nachfolger von Aposteln; denn die Predigt von blossen Schülern hätte in den Verdacht der Ruhmbegierde kommen können, wofern ihr nicht die Autorität ihrer Lehrmeister, ja, sogar Christi selbst, zur Seite stände, welch letzterer die Apostel zu Lehrern gemacht hat. So legen uns also aus der Zahl der Apostel Johannes und Paulus den Glauben vor; aus der Zahl der apostolischen Männer prägen ihn Lukas und Markus aufs neue ein, indem sie beide, mit derselben Glaubensregel beginnend, alles lehren, was sich auf den einen Schöpfergott, seinen Christus, der aus der Jungfrau geboren ist, und die Erfüllung des Gesetzes und der Propheten bezieht. Wenn die Anordnung der Erzählungen verschieden ist, so schadet das nichts, wofern nur in betreff des Hauptstückes des Glaubens Übereinstimmung vorhanden ist. Mit Marcion ist aber keine vorhanden.

Marcion dagegen gibt von seinem Evangelium keinen Verfasser an, als ob er, dem es kein Frevel schien, das Ganze zu Grunde zu richten, nicht auch einen Titel hätte fingieren dürfen!? Ich könnte hierbei schon stehen bleiben und behaupten, ein Werk, welches keine Überschrift hat, keine Gewähr leistet und keine Zuverlässigkeit verspricht wegen mangelnden Titels und nötiger Angabe des Autors, sei gar nicht anzuerkennen. Allein wir wollen uns lieber alles erkämpfen und nichts übergehen, wie man aus unserer Arbeit ersehen kann. Von den Berichterstattern, die wir haben, scheint sich Marcion den Lukas ausersehen zu haben als den, welchen er ausbeuten will. Nun ist aber Lukas kein Apostel, sondern nur ein apostolischer Mann, kein Lehrer, sondern ein Schüler. Daher ist er natürlich geringer als sein Lehrer und jedenfalls um so viel später, als er Begleiter eines spätern Apostels war, nämlich ohne Zweifel des Paulus. Wenn daher Marcion auch sein Evangelium noch unter dem Namen des Paulus selber eingeführt hätte, so würde eine solche allein ohne die Unterstützung von Vorgängern dastehende Urkunde nicht glaubwürdig genug sein. Denn man müsste dann auch nach dem Evangelium fragen, welches Paulus vorgefunden, dem er Glauben geschenkt und dessen Übereinstimmung mit dem seinigen er gerühmt hat. Er reiste ja zu dem Ende nach Jerusalem hinauf, die Apostel kennen zu lernen und sie zu befragen, um ja nicht etwa umsonst zu laufen, d. h. anders zu glauben wie sie und das Evangelium nicht zu verkünden wie sie. Als er S. 260 sich mit den Gewährsmännern besprochen hatte und ihre Übereinstimmung in der Glaubensregel feststand, reichten sie sich die Hände, und von da an theilten sie sich die Missionsämter; jene nahmen das für die Juden, Paulus das für die Juden und Heiden. Wenn also der, welcher für Lukas selber die Quelle war, für seinen Glauben und seine Predigt die Autorität der Vorgänger begehrte, um wie viel mehr werde ich sie für Lukas fordern, wenn sie für seines Lehrers Evangelium nötig war.

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Fünf Bücher gegen Marcion

2.

[1] Nun hast du von uns eine fertige Antwort auf die »Antithesen«. Ich gehe jetzt zum Nachweis über das Evangelium über — freilich nicht das jüdische, sondern das pontische, das einstweilen verfälschte —, um die Ordnung vorzubereiten, die wir angehen. Wir stellen zuerst fest, dass die evangelische Urkunde die Apostel zu Urhebern hat, denen dieses Amt, das Evangelium zu verbreiten, vom Herrn selbst auferlegt worden ist. Wenn auch apostolische Männer, so doch nicht sie allein, sondern zusammen mit den Aposteln und nach den Aposteln; denn die Verkündigung von Schülern könnte in den Verdacht der Ruhmsucht geraten, wenn ihr nicht die Autorität der Lehrer beistünde, ja die Christi, der die Apostel zu Lehrern gemacht hat. [2] Uns also vermitteln den Glauben von den Aposteln her Johannes und Matthäus, von den apostolischen Männern her erneuern ihn Lukas und Markus, die von denselben Regeln ausgehen, soweit es den einen Gott, den Schöpfer, und seinen Christus betrifft, geboren aus der Jungfrau, die Erfüllung von Gesetz und Propheten. Denn mag die Anordnung der Erzählungen abweichen, wenn nur über das Haupt des Glaubens Einigkeit besteht — worin mit Marcion keine Einigkeit besteht. [3] Marcion dagegen schreibt seinem Evangelium keinen Urheber zu, als sei es ihm nicht erlaubt gewesen, auch noch einen Titel zu erdichten, dem es nicht als Frevel galt, den Leib selbst umzustürzen. Und ich könnte hier schon Halt machen und behaupten, ein Werk sei nicht anzuerkennen, das die Stirn nicht erhebt, das keine Festigkeit vor sich her trägt, das keinen Glauben verspricht durch die Vollständigkeit des Titels und das schuldige Bekenntnis eines Urhebers. [4] Doch wir wollen lieber in allem den Kampf aufnehmen und verhehlen nicht, was sich aus dem Unsrigen erkennen lässt. Denn aus den Berichterstattern, die wir haben, scheint Marcion den Lukas ausgewählt zu haben, um ihn zu zerhauen. Nun aber ist Lukas kein Apostel, sondern ein apostolischer Mann, kein Lehrer, sondern ein Schüler, jedenfalls geringer als sein Lehrer, gewiss um so viel später, als er der Anhänger eines späteren Apostels ist, nämlich des Paulus ohne Zweifel — sodass, selbst wenn Marcion sein Evangelium unter dem Namen des Paulus selbst eingeführt hätte, die Einzelheit einer Urkunde ohne den Schutz der Vorgänger für den Glauben nicht genügte. [5] Denn man würde auch jenes Evangelium fordern, das Paulus vorfand, dem er Glauben schenkte, mit dem er alsbald das seine in Übereinstimmung zu bringen wünschte — da er ja eben deshalb nach Jerusalem hinaufzog, um die Apostel kennenzulernen und zu befragen, damit er nicht etwa vergeblich gelaufen sei, das heißt: damit er nicht anders geglaubt hätte als sie und nicht anders verkündigte als sie. Schließlich reichten sie sich, nachdem er sich mit den Urhebern besprochen und über die Glaubensregel Einigkeit erzielt hatte, die Rechte, und von da an teilten sie die Ämter der Verkündigung: jene für die Juden, Paulus für Juden und Heiden. Wenn also der Erleuchter des Lukas selbst die Autorität seiner Vorgänger für seinen Glauben und seine Verkündigung wünschte — wie viel mehr muss ich sie für das Evangelium des Lukas fordern, die schon für das Evangelium seines Lehrers notwendig war?

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